Leserbriefe

"Zweifel an Integrität"

Wenn Bürger in der heutigen Zeit Anstoß an der Haltung des Bundespräsidenten nehmen und meinen, dass seine Handlungsweise das Ansehen und die Würde seines Amtes verletzt, dann ist das Ausdruck einer noch gesunden Bewertungskultur und nicht Absicht einer politisch motivierten Kampagne. Das beweist, dass in der Bevölkerung noch ein hohes Maß an Anspruchshaltung vorhanden ist. Nicht erst die nicht eingestandenen 500 000 Euro Privatkredit haben die kritische Aufmerksamkeit auf Christian Wulff gelenkt. Die Biografie seines politischen Lebens weist einige Merkwürdigkeiten auf, was die Frage erlaubt, ob damit nicht schon die Voraussetzung für den Zweifel an seiner Wahl gegeben war. Aber die politische Opportunität schloss den integren DDR-Bürgerechtler Joachim Gauck aus, die Mehrheit in der Bundesversammlung entschied sich für den CDU-Vorschlag Christian Wulff. Das erneut ausgesprochene Vertrauen der Bundeskanzlerin für Wulff entkräftet nicht den Zweifel an der moralischen Rechtmäßigkeit seines Verhaltens, der bei mir sehr nachhaltig vorhanden ist.

Harry Döring, per E-Mail

Glückliches Deutschland, dass du keine wichtigeren Fragen und Probleme zu lösen hast. Da kennt ein ehemaliger Ministerpräsident seit vielen Jahren gute Freunde. Die Frau hat Geld anzulegen in einer Zeit, in der das Finanzwesen und die Banken labil erscheinen. Da sucht Wulff einen Hypothekenkredit zu günstigen Konditionen. Der Zinssatz von vier Prozent pro Jahr kommt beiden zugute, die Frau erhält mehr Zinsen als seinerzeit am Markt (sogar ohne Quellensteuerabzug), Wulff zahlt etwas weniger als damals für Hypotheken zu zahlen war. Prompt fällt später der Marktzins, da schuldet Wulff um zu niedrigeren Kreditzinsen und ohne sonst erforderliche Vorfälligkeitsentschädigung. Wer wurde eigentlich geschädigt? Der Staat beziehungsweise der Steuerzahler jedenfalls nicht. Es war keine Bestechung, es war keine falsche Spesenabrechnung. Außerdem war Wulff noch kein Bundespräsident und konnte somit auch nicht dieses Amt beschädigen, wie viele jetzt meinen. Sturm im Wasserglas, Lärm um nichts. Glückliches Deutschland.

Wolfgang Fiebach, Spandau

Christian Wulff hatte 1999 als CDU-Oppositionsführer im Landtag in Hannover den damaligen niedersächsischen SPD-Ministerpräsidenten Glogowski wegen eines Urlaubes auf Kosten von TUI schwer unter Beschuss genommen. Obwohl noch nichts bewiesen war, musste Glogowski unter dem großen Druck zurücktreten. Und was macht Wulff unter anderem, er lässt sich bei einem Weihnachtsflug nach Florida von der Economy-Klasse in die Business-Klasse hochstufen, obwohl er es als ,,Saubermann" hätte besser wissen müssen, wie man sich in solchen Positionen verhalten muss, um sauber zu bleiben.

Klaus Okrafka, per E-Mail

Als deutsches Staatsoberhaupt und höchste moralische Instanz in unserem Land sollte Bundespräsident Christian Wulff nicht nur an einer schnellen und umfassenden Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe interessiert sein, sondern er sollte auch umgehend zurücktreten, um Schaden vom Amt abzuwenden. Es ist für einen Normalbürger beschämend, mit ansehen zu müssen, wie sich immer mehr Politiker aufgrund ihres Amtes Vorteile verschaffen, die sie dann noch obendrein vor der parlamentarischen Kontrolle geschickt zu verschleiern wissen.

Thomas Henschke, Reinickendorf

Der heutige Bundespräsident hat in seiner früheren Funktion als Ministerpräsident von Niedersachsen ein Darlehen von einer befreundeten Familie für den Kauf einer Immobilie erhalten und später umfinanziert. Nachfragen im Parlament zu geschäftlichen Beziehungen zum Unternehmer Geerkens hat er expressis verbis als Jurist exakt beantwortet. Kein justiziabler Fehl ist Herrn Wulff bei dieser Sachlage vorwerfbar. Und weil dies so ist, werden mit moralisierenden Begründungen so anrüchige Redewendungen wie "ein Geschmäckle bleibt" als Vorwurf für die weitere Themenbehandlung herhalten müssen.

Zusammenfassend ist es für mich einfach enttäuschend, welche Nichtigkeiten in dieser Republik zunehmend einerseits zu Aufmachern in den Medien führen und andererseits ein besonders intensives Engagement vieler Politiker nach notwendiger Aufklärung fördern. Beide Beteiligte, Journalisten wie die Politikerklasse, erbringen ihre Anstrengungen gerne investigativ zur Aufrechterhaltung der Gesamtheit der sittlichen und moralischen Grundsätze in dieser Gesellschaft. Sollten nicht beide an dieser überflüssigen Kampagne Beteiligten sich wesentlich kreativer und mit mehr Sachkompetenz anhand von Zahlen, Daten und Fakten um die Lösung der Zukunftssicherung dieser Gesellschaft bemühen, anstatt sehr tauglichen Politikern ans Bein zu pinkeln?

Dieter Bredow, per E-Mail