Leserbriefe

"Völlig unnötige Aufregung"

Als überzeugter Berliner und Europäer beobachte ich den vielerorts wachsenden Nationalismus und Populismus mit großer Sorge. Ob Frieden, Binnenmarkt, Währung oder Reisefreiheit: Europa hat uns in allen Bereichen unseres Lebens unbezahlbare Vorteile gebracht, die wir leider viel zu oft als selbstverständlich erachten. Oft erscheint uns Europa abstrakt und ungreifbar. Doch wo stünde ein durch Kleinstaaterei, Abschottung und Misstrauen gekennzeichneter Kontinent heute? Wohl kaum im Spitzenfeld globaler Wirtschaftsregionen. Bereits ein kurzer Blick auf das Vorpreschen von China, Indien & Co. zeigt es: Um unsere Freiheit und unseren Wohlstand auch künftig zu sichern, brauchen wir Europäer ein in allen Bereichen starkes, durch Vielfalt und Subsidiarität geeintes Europa. Der Wirbel um die Grenzkontrollen in Dänemark ist hierbei ein völlig falsches Signal. Drogen werden auch durch Brandenburg nach Berlin transportiert. Sollen wir deshalb Grenzkontrollen zwischen beiden Bundesländern einführen oder gar die Mauer wieder aufbauen? Ein absurdes Szenario, dass den Populismus der dänischen DVP in ein dunkles Licht stellt. Doch Dänemark hat Alternativen: Ein mit seinen EU-Partnern abgestimmter Ansatz, etwa zur Stärkung der EU-Grenzschutzagentur Frontex, wäre nicht nur zukunftsweisender, sondern auch im Sinne der vielen Menschen, die bereits heute Europa als ihre Heimat betrachten.

Thorsten Kohlisch, per E-Mail

Die Aufregung um dänische Zollkontrollen kann man getrost auf das Sommerloch schieben. Durch die Einführung des europäischen Binnenmarkts sind die Mitgliedsstaaten der EU verpflichtet, die weggefallenen permanenten Warenkontrollen an den Grenzen durch andere Maßnahmen auszugleichen. Dies geschieht durch punktuelle Kontrollen im Grenzgebiet und auch im Binnenland. Auch in Deutschland führt der Zoll diese Kontrollen durch, auch direkt an der Grenze, etwa am Übergang Pomellen. Hier wie in Dänemark geht es ausschließlich um die Überwachung des Warenverkehrs, dazu gehört auch die Kontrolle der Verbote und Beschränkungen (Drogen, Waffen, Tierseuchenrecht). Das Schengener Abkommen, welches jetzt so oft fälschlicherweise angeführt wird, regelt allein die grenzpolizeiliche Kontrolle des Personenverkehrs. Für einige aufgeregte Akteure wohl zu viel an Fakten.

Ingo Janke, per E-Mail

Wohlhabende Berliner sollten sich stärker engagieren

Zum Artikel: "Kein Staatsgeld für die Kuppel" vom 7. Juli

Die Entscheidung des Bundestags für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses führt in die richtige Richtung. Denn eine komplette Finanzierung aus öffentlichen Mitteln strapaziert den gesellschaftlichen Zusammenhalt, da dann im Gegenzug wichtige Mittel wie etwa für die Bildung oder im sozialen Bereich fehlen. Zudem ist die Hauptstadt mit einem gewissen Reichtum gesegnet, da es ebenfalls hier eine wachsende Anzahl von Vermögensmillionären gibt, was das Projekt Stadtschlosskuppel durch Spenden möglich machen sollte.

Rasmus Ph. Helt, per E-Mail

Das Gebot der Toleranz hat zu gelten

Zum Artikel: "Kritik an neuem Erzbischof wegen Äußerungen zur Homosexualität" vom 4. Juli

Es ist ein Gebot der Höflichkeit, dass der neue Erzbischof erst einmal herzlich willkommen geheißen wird und eine Chance erhält, sein neues Amt anzutreten. Wenn er die Homosexualität verurteilt, dann verurteilt er ja nicht die Menschen. Diese sind natürlich gleichberechtigt und in keiner Weise zu verfolgen. Im Übrigen hat das Gebot der Toleranz zu gelten. Aber eben daran hapert es in Berlin gewaltig.

Wolfgang Reichelt, per E-Mail

Mag man zu den Äußerungen des neuen Berliner Erzbischofs Rainer Maria Woelki in Bezug auf Homosexualität stehen, wie man will - viel bedenklicher und beängstigender finde ich die Meinungsäußerungen einiger Leser, die Homosexualität mit Prostitution, Drogenkonsum und Kriminalität gleichsetzen oder Homosexuellen "Menschenverachtung" vorwerfen, weil diese nicht "gewillt" sind, Nachkommen zu zeugen. Homosexuellen zum Vorwurf zu machen, dass sie keine Kinder zeugen in einer Zeit, wo unzählige Kinder emotional und materiell vernachlässigt werden, grenzt an Zynismus. Überdies bleibt die Frage, wer denn die vielen staatlichen Leistungen für die Familien in diesem Lande finanzieren soll, wenn nicht die Singles, also auch die Homosexuellen, mit ihren erhöhten Steuerzahlungen. Es zeigt sich einmal mehr, dass in den Köpfen vieler Bürger noch ein sehr eindimensionales und von Schwarz-Weiß-Denken geprägtes Weltbild vorherrscht.

Wolfram Knorr, Friedenau

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