Leserbriefe

"Schlechtes Krisenmanagement"

Jetzt ist mit der drohenden EHEC-Epidemie eigentlich das eingetreten, was ich schon lange befürchtet habe: Der Staat ist überfordert. Man hat nicht genug Personal, um die wahre Infektionsquelle zu finden, und die Krankenhäuser sind dank der vielen Gesundheitsreformen, die letztendlich keine waren, an die Kapazitätsgrenze gelangt. Das alles wegen der politischen Rahmenbedingungen der vergangenen 20 Jahre, die überwiegend von Mittelkürzungen und Personaleinsparungen gekennzeichnet waren. Jetzt erhalten wir dafür die Quittung. Das Schlimme daran ist nur, dass unschuldige Menschen für diese irrsinnige Politik mit ihrer Gesundheit dafür büßen müssen.

Thomas Henschke, Waidmannslust

Nun haben wir EHEC. Und was haben wir nicht schon alles ertragen müssen: Glykolwein-Skandal (1985), Vogelgrippe (1997), SARS (2002), Gammelfleisch (2006), BSE (2007), Schweinegrippe (2009), Nematoden im Fisch ... Und ich bin mir sicher, dass ich noch einiges vergessen habe. Dass sich die Bundesämter Robert-Koch-Institut (RKI) und Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) so gut in dieser Krise verstehen und gleichartige Stellungnahmen und Hinweise zu EHEC geben, kommt nicht von ungefähr, hier gibt es historische Verbindungen. Als Horst Seehofer noch Bundesgesundheitsminister war, löste er 1994 eine über 100-jährige Institution auf, das Bundesgesundheitsamt. Dieses Amt bestand aus sieben unabhängigen Instituten, die heute in eigenständige Bundesämter aufgegangen sind. Die wissenschaftlichen Arbeiten über alle Themen des Lebens und die gesetzgeberische Vorarbeit wurden beachtet und waren anerkannt. Viele Länder beneideten Deutschland um diese wissenschaftliche Institution. Ich bin mir heute sicher, dass uns viele Skandale mit einem Beibehalten eines Bundesgesundheitsamtes erspart geblieben wären. Das immer wieder bemängelte langsame Handeln besonders des RKI kommt nicht von ungefähr. Seit Anfang der 90er-Jahre werden Stellen linear in den zur Bundesverwaltung gehörenden Bereichen eingespart. Der mit der Zeit entstandene Stellenmangel zeigt jetzt seine Auswirkungen.

Norbert Jurk, per E-Mail

Bis Ende der vergangenen Woche sind mehr als 20 Menschen am EHEC-Erreger und seinen Folgeerkrankungen gestorben. Mal sollen Gurken oder Tomaten oder Salat die Ursache, seit dieser Woche Sprossen aus einem kleinen Bauernhof in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen die Auslöser dieser Epidemie sein. Keiner weiß Genaues, selbst Mediziner stehen vor einem Rätsel. Am wenigsten Hilfe können die Infizierten und betroffenen Bundesländer gegenwärtig vom neuen Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erwarten. Dieser Politiker ist mit der EHEC-Krise völlig überfordert.

Albert Alten, per E-Mail

Aufruf zur Organspende nur ein fadenscheiniges Signal

Zum Artikel: "Charmeoffensive vor dem Ärzteparlament" vom 1. Juni

Es wirkt fast zynisch, wenn der neue Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr formelhaft für Organspende wirbt, sich aber im gleichen Interview explizit gegen die sogenannte Widerspruchslösung bei der Organspende ausspricht. Seine Begründung: Wenn jeder zum Spender würde, der zu Lebzeiten nicht eindeutig widersprochen hat, werde unzulässig Druck ausgeübt. Der Hintergrund: In Deutschland warten 12 000 Menschen auf eine Organspende. Jedes Jahr sterben 1000 von ihnen, weil sie keine bekommen haben. Nur ein Drittel, etwa 4000 Menschen, erhalten eine Niere, ein Herz, eine Leber oder Lunge - und so auch die Chance, weiterzuleben. Die zentrale Ursache dieser Situation liegt in der geringen Zahl der Organe, die für Transplantationen zur Verfügung stehen. Mehr als drei Viertel der Bundesbürger sprechen sich zwar für Transplantationen aus, aber nur etwa 14 Prozent der Deutschen haben einen Organspendeausweis. Nach Einschätzung von Thomas Mehlitz, Transplantationskoordinator der Charité, liegt die Zahl der Menschen, die einen Organspendeausweis bei sich tragen, nur bei etwa vier bis fünf Prozent. Das Dilemma: Offensichtlich haben viele Menschen Skrupel, sich mit dem Thema des eigenen Todes und den Fragen der Transplantation sowie der Rechtslage und den medizinischen Abläufen auseinanderzusetzen. Nur so ist es zu erklären, dass Menschen, die sich über das Thema informiert haben, zu einem deutlich größeren Teil für eine spätere Spende der eigenen Organe im Todesfall aussprechen. Jedem Menschen bleibt auch bei der Widerspruchslösung die Möglichkeit, sich - aus welchen Gründen auch immer - gegen eine Transplantation zu entscheiden und dies so kundzutun. So zu tun, als sei es ein schützenswerter Teil persönlicher Freiheit, Menschen das Nachdenken über das eigene Leben und Sterben zu ersparen, ist so zutreffend wie die Argumentation, dass wir allen das Recht auf Unwissenheit um jeden Preis erhalten sollten.

Alexander Kroll, per E-Mail