Leserbriefe

"Professioneller Dilettantismus"

Die Organisierung des sogenannten Bildungspakets in Berlin kann man nur hoch professionellen Dilettantismus nennen. Kurz vor den Osterferien wurden die Schulen per E-Mail mit Formularen und unvollständigen Informationen überschüttet. Dazu gab es wenige Tage vor den Ferien eine Schulleitersitzung, auf der von der Schulaufsicht der Brief, den die Schulleiter per E-Mail schon hatten, noch einmal vorgelesen wurde. Die Schulleiter sollten dann sofort die Eltern informieren, dass sie bis zum 30. April rückwirkende Anträge stellen könnten. Diese Info erreichte die Eltern Stunden vor den Osterferien. In den Ferien waren die Sekretariate nicht besetzt. Schulleiter sollen mit Lernförderungsanbietern Verträge schließen, sind aber überhaupt nicht dazu bevollmächtigt. Die Lernförderung soll in den Räumen der Schule durchgeführt werden, die werden aber jetzt schon für Unterricht, ergänzende Betreuung, Musikschule, Volkshochschule, Arbeitsgemeinschaften doppelt und dreifach belegt. Die Schule soll die Lernmittel und Fotokopien zur Verfügung stellen, bekommt aber keinen Cent dafür. Das Berliner System ist hervorragend dazu geeignet, Eltern von der Antragstellung abzuhalten, aber völlig ungeeignet, Kinder in Sachen Schulerfolg zu stützen. Die getroffenen Regelungen legen den Verdacht nahe, dass die Verantwortlichen in der Berliner Verwaltung nicht die geringste Vorstellung davon haben, was es heißt, in finanzieller Not zu leben. Manchmal kann einem Berlin wirklich peinlich sein.

J. Haase, per E-Mail

Wann nehmen die politischen Entscheidungsträger endlich zur Kenntnis, dass es in vielen Hartz-IV-Familien lediglich darauf ankommt, möglichst viel Barleistung abzuschöpfen. Anders ist es nicht zu erklären, dass bürokratische Monsteraktionen wie Klagen vor dem Verfassungsgericht oder vor dem Europäischen Gerichtshof ohne Weiteres von den Leistungsempfängern zu bewältigen sind, während sie ein schlichter Antrag auf Nachhilfeleistungen offenbar grenzenlos überfordert. Es geht in vielen dieser Familien nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die bestmögliche finanzielle Ausstattung zum Wohle der Erwachsenen. Bürger, die mit ihren Steuerzahlungen das Ganze finanzieren müssen, haben langsam kein Verständnis mehr für die immer neuen Entschuldigungen zugunsten der Benachteiligten.

Ilse Seikowski, per E-Mail

Es werden erst Fakten geschaffen und dann wird nachgedacht, und das nicht nur beim Bildungspaket, sondern auch bei sämtlichen Bildungsreformen. Das riecht für mich verdächtig nach einem weiteren Schnellschuss vor der Wahl, ohne Sinn und Verstand.

Regina Kröning, per E-Mail

Lafontaines Gedanken führen in gefährliche Richtung

Zum Artikel: "Karl Marx, Oskar und die rote Liebe" vom 4. Juni

Die Argumentation von Oskar Lafontaine kann nicht überzeugen. Denn auch wenn die stagnierenden Löhne und Sozialkürzungen für Deutschland keinen Wettbewerbsvorteil, sondern eher einen -nachteil bedeuten, führen die hier vorgebrachten Gedanken in eine gefährliche Richtung, da man sehr schnell wieder beim demokratischen Zentralismus und damit dem SED-System landet, wenn man Demokratie nur an Hand von Zielen definiert. Ebenso kann die Vergesellschaftung von Unternehmen als Zukunftsvision nicht überzeugen, da sich die soziale Performance von Unternehmen weniger an ihren Besitzverhältnissen als vielmehr an inneren Hierarchien entscheidet.

Rasmus Ph. Helt, per E-Mail

Zu wenig von Verantwortung der Eltern die Rede

Zum Artikel: "Tödlicher Streit um Bollerwagen" vom 4. Juni

Bei der Diskussion über die zunehmende Gewalt auf Bahnhöfen insbesondere in Berlin wird zu wenig über die Verantwortung der Eltern gesprochen. Gemeint ist damit die Entwicklung in den Elternhäusern. Natürlich sind die Gewaltfälle verhältnismäßig gering. Aber es muss hinterfragt werden, wieso solche Fälle zunehmen. Wenn in Deutschland immer wieder davon gesprochen wird, dass Frauen so schnell wie möglich nach einer Geburt wieder arbeiten sollen, dann braucht man sich über etwaige Folgen nicht zu wundern. Die beste Betreuung haben Kinder im Elternhaus, in einer Familie, in der bis zu einem gewissen Lebensalter immer ein Elternteil für das Kind da ist. Und auch wenn das Kind in die Kita oder in die Schule geht, ist es wichtig, dass es dann, wenn es nach Hause kommt, nicht von irgendjemand betreut wird. Natürlich werden die meisten Kinder, die dieses Ideal nicht erlebt haben, nicht zu Gewalttätern auf Bahnhöfen. Aber schief geht bei der Erziehung einiges.

Wolfgang Reichelt, per E-Mail