Leserbriefe

"Herumdoktern an Symptomen"

Diese Absichtserklärungen sind doch Makulatur und dienen bald nur zum Amüsement derjenigen, die sich nichts aus Vorschriften machen. Wie auch in der Kindererziehung sollte man nur Dinge verbieten und Strafen ankündigen, wenn man sie durchsetzen kann. Sonst verliert man seine Glaubwürdigkeit und den Respekt. Beispiel: Wer kümmert sich denn um die Hundekotverordnung, das Parken in zweiter Spur, die Abgabe von Zigaretten und Alkohol an Jugendliche? Solange keine flächendeckende Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Anordnungen mit schneller Ahndung gewährleistet ist, fordert man besser nichts.

Heide Binner, Rudow

Ich würde es für sinnvoller halten, wenn Straftätern, egal welchen Alters, unmissverständlich klargemacht würde, dass spätestens beim zweiten Vorfall keine mildernden Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit infolge Alkoholgenusses mehr gewährt werden. Im Gegenteil sollte dies strafverschärfend wirken, denn die Täter hätten ja wissen müssen, dass sie unter Alkoholeinfluss ausrasten.

Karl-Heinz Kleinod, per E-Mail

Sicherlich löst man mit einem Alkoholverbot nicht alle Probleme, weil man nur wieder an den Symptomen herumdoktert. Doch was ich bei meinen Reisen in den USA immer sehr schätzen gelernt habe, ist das strikte Rauch- und Alkoholverbot auf Bahnhöfen und sogar öffentlichen Plätzen und Grünanlagen. Nur muss man natürlich das nötige Personal auf dem U- oder S-Bahnhof haben, welches das Verbot auch durchsetzt. Dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gegen das Alkoholverbot ist, wundert mich nicht. Schließlich stehen wir vor wichtigen Wahlen in Berlin, und da will er es sich natürlich mit niemandem verderben.

Thomas Henschke, per E-Mail

Spiegelt bildungspolitisches Chaos in der Stadt wider

Zum Artikel: "Niemand interessiert sich wirklich für uns" vom 5. Mai

Auch dieser Beitrag spiegelt das bildungspolitische Chaos in Berlin wider, was die sogenannte Inklusion betrifft. Die UN-Behindertenrechtskonvention wird wie ein Gesangbuch ins Feld geführt, um Förderschulen zu schließen und Sonderpädagogik generell zurückzufahren, aber anscheinend hat niemand die Texte richtig gelesen. Die Konvention lässt große Spielräume, hebt das Elternwahlrecht hervor und betont die Existenzberechtigung spezieller Schulen. Von einer Abschaffung der Sonderschulen ist nirgendwo die Rede, im Gegenteil, sie werden als wertvolle Ressourcen eingeschätzt, vor allem für Kinder, bei denen das eigene Wohlergehen oder das der anderen Kinder gefährdet ist. Gelingen kann ein inklusives Schulsystem nach Expertenansicht nur, wenn notwendige Rahmenbedingungen gesichert sind wie Einzelzuwendung im Unterricht, Teilnahme-Freiwilligkeit der Lehrkräfte, vermehrte personelle und Sachmittel, Inklusionsentwicklung von der Basis her, fortlaufende wissenschaftliche Evaluierung, kontinuierliche Qualifizierung der Lehrkräfte, ein ausformuliertes Schulkonzept und Serviceangebote an sämtliche Schüler. Wenn diese Bedingungen nicht vorhanden sind, wird Inklusion zu einem unverantwortlichen Abenteuer.

Prof. Dr. Herbert Goetze, Schönwalde

Unverständlicher Beifall des Rezensenten für den Regisseur

Zum Artikel: "Ein Güterwagen auf der Fahrt ins Nichts" vom 17. Mai

Der Autor Klaus Geitel irrt, wenn er die zahlreichen Zuschauerproteste vor allem auf die - allerdings dramaturgisch so unnötige wie unsinnige - Vergewaltigungsszene zurückführt. Die vehemente Ablehnung richtete sich gegen die Vergewaltigung des Werkes durch einen konzeptionell und handwerklich völlig überforderten Regisseur, die allerdings, für mich unverständlich, den Beifall des Rezensenten findet.

Dass Herr Geitel jedoch - unter Hinweis auf sexuelle Exzesse in Spielfilmen - den Protestierenden vorwirft, "unter der Flagge der Verlogenheit" die Inszenierung "niederzupöbeln" und sie auffordert, "den Mund zu halten, wenn es um Kunst geht", ist nicht hinnehmbar und zeugt von Intoleranz und Arroganz. Hat der durch mediale Verbreitung von Exzessen aller Art "abgehärtete", vielleicht auch abgestumpfte Zuschauer diese nun auch widerspruchslos auf der Bühne zu akzeptieren? Muss er, um der Kunst willen, wirklich "den Mund halten", wenn, wie in der "Salome"-Produktion an der Komischen Oper, statt des nicht inszenierten "Schleiertanzes", auf den erigierten Penis eines Gekreuzigten mit einem Hammer eingeschlagen wird? Herr Geitel hat ebenso das Recht, Apologet dieser Trash-Regie zu sein, wie der Zuschauer das Recht hat, sich gegen geschmacklose und sinnentleerte Inszenierungen zur Wehr zu setzen.

Werner Müller-Redlich, Marienfelde