Leserbriefe

"Fahrgäste halten als Geiseln her"

Grundsätzlich bin ich ein großer Befürworter von Arbeitskampfmaßnahmen und Streiks, da sie für Arbeitnehmer oft das einzig legitime Mittel sind, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Aber die Bahn muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie tatsächlich noch als zuverlässiger Partner gilt und eine wirkliche Alternative zum Auto ist. Nach kollabierten Fahrgästen in überhitzten Triebwagen im Sommer, Winterchaos in den kalten Monaten und nun noch der taktisch ungünstigste Zeitpunkt der Streckensperrung zwischen Berlin und Potsdam während der Avus-Erneuerung. Das gesamte System Bahn gehört auf den Prüfstand.

Peter Hirsch, Wilmersdorf

Auch ich nutze die S-Bahn und bin deshalb nicht erfreut, wenn jetzt weitere Ausfälle durch einen Streik dazukommen. Trotzdem darf man nicht Ursache und Auswirkung verwechseln. Am jetzigen S-Bahn-Desaster ist das ehemalige Management schuld, nicht die Lokführer. Es sind nun mal Tarifverhandlungen, anlässlich derer es auch Streiks geben kann. Wenn die deutsche Lokführergewerkschaft GDL Druck auf die Arbeitgeber erzeugen will, ist es doch legitim, dafür auch die Berliner S-Bahn zu nutzen.

Klaus Okrafka, per E-Mail

Ich habe nur sehr bedingt Verständnis für Branchen, die streiken, indem sie über ihren Arbeitgeber hinaus andere in ihrer persönlichen Freiheit beschränken und darüber hinaus erhebliche Nachteile zufügen. Das ist purer Egoismus.

Heike Wagner, per E-Mail

Herr Nachtigall von der GDL weiß ganz genau, dass nicht in erster Linie die Arbeitgeber von einem Streik getroffen würden, denn da könnte man ja nur den profitablen Güterfernverkehr bestreiken. Nein, wir Fahrgäste sollen als Geiseln für völlig unverschämte Forderungen der sogenannten Gewerkschaft herhalten. Zeigen wir alle den Lokführern unsere Verachtung für ein derartiges egoistisches Verhalten.

Oliver Laudahn, per E-Mail

Gewerkschaftsbosse haben weder Verständnis noch Gespür für die Stimmung derer, die ihnen als Kunden ihr Gehalt verschaffen. Mag ihr Anliegen berechtigt sein oder nicht - nach dem S-Bahn-Debakel kann nicht die Kundschaft als Geisel missbraucht werden. Da sind andere Konfliktlösungen nötig.

Helmut Maier, Westend

Memorandum der Theologen ist Aufstand der Gerechten

Zum Artikel: "In der Debatte über den Zölibat wird der Ton schärfer" vom 3. Februar

Angesichts der Ausgrenzung von geschiedenen und homosexuellen gläubigen Menschen, des menschenunwürdigen Pflichtzölibats für Priester, des akuten Priestermangels, des sexuellen Kindesmissbrauchs durch Priester, einer Austrittswelle ohnegleichen, der bewussten Benachteiligung von Frauen und der höchst undemokratischen Strukturen und Hierarchien in der katholischen Kirche kann das Memorandum der 144 deutschen Theologen nur als Aufstand der Gerechten bezeichnet werden. Die katholische Kirche ist unter massiven Druck von innen und außen geraten. Abhilfe kann nur ein klärendes Ökumenisches, Drittes Vatikanische Konzil unter Beteiligung von Laien und Vertretern anderer christlicher Kirchen schaffen, will die Kirche nicht auch noch das letzte Fünkchen an Glaubwürdigkeit und Bedeutung innerhalb der Gesellschaft verlieren. Daher sollten insbesondere die Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung vom 14. bis 17. März in Paderborn nach Auswegen aus der Krise suchen und Lösungen zur Erneuerung der Kirche finden, damit ihr die selbst zu verantwortende Inszenierung des kirchlichen Niedergangs erspart bleibt.

Roland Klose, per E-Mail

Falsche Schlussfolgerungen über Ursache des Scheiterns

Zum Artikel: "Deutsche zweifeln am Erfolg der Integration" vom 4. Februar

Die Feststellung, dass zwei Drittel der Deutschen die Integration von Muslimen in Deutschland für gescheitert halten, ist sicher richtig. Falsch ist die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird: Die deutsche Regierung würde diesbezüglich von den Deutschen schlechte Noten erhalten. Integration ist eine Bringeschuld derjenigen, die hier einwandern, darum kann für ein Scheitern der Integration keine deutsche Regierung verantwortlich gemacht werden. Augenfällig ist, dass Zuwanderer in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern die besten sozialen Leistungen erhalten und dadurch offensichtlich die Integrationswilligkeit, gerade bei den Muslimen, negativ beeinflusst wird. Ein Umsteuern ist hier dringend erforderlich, wird aber leider nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte nicht stattfinden.

Jürgen Wiedemann, Moabit