Leserbriefe

"Wolfgang Thierse verliert seine Vorbildfunktion"

Die ganze Angelegenheit, und dementsprechend das Urteil, selbst wenn es der Gesetzeslage entspricht, ist höchst fragwürdig. Strafrechtlich würde eine derartige behauptete Unterschlagung, die ja erst zu beweisen wäre - was ja hier wohl noch gar nicht geschehen ist -, wegen geringer Schuld und mangels öffentlichen Interesses noch nicht einmal zur Anklage führen.

Wenn hier aber die fristlose Entlassung wegen angeblicher Unterschlagung von 1,30 Euro nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit gerichtlich bestätigt wird, dann ist nicht nur der in unserem Rechtssystem verankerte Grundsatz der Verhältnismäßigkeit allein schon durch die Firma in eklatanter Weise missachtet, sondern ich sehe die Rechtsstaatlichkeit unseres Gemeinwesens erheblich beeinträchtigt. Was ist dies für ein Gesetz, das dies zulässt?

Und im Übrigen: Da wird in den letzten Monaten eine lange Debatte über die rechte Wertevermittlung an den Schulen (Aktion Pro Reli) entfacht, und in der Praxis erleben wir dann ein gerichtlich bestätigtes Gebaren des Arbeitgebers, der alle überkommenen ethischen Vorstellungen ins Gegenteil verkehrt.

Dieter Fiedler, 12101 Berlin

Bundestagsvizepräsident Thierse bezeichnet die Rechtsprechung als "barbarisches Urteil von asozialer Qualität". Dabei verkennt er, dass es bei dem Vertrauensverlust zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin nicht allein um die Unterschlagung von 1,30 Euro geht. Schwerer wirkt die Tatsache, dass die Gekündigte im Verfahren bewusst eine unschuldige Kollegin beschuldigt hat. Die Summe der Verfehlungen führt schlussendlich zu einem nicht akzeptablen Vertrauensbruch. Ein Bundestagsvizepräsident, der derartig oberflächlich mit gesellschaftlichen Werten umgeht, verliert seine Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit und sollte sein Amt niederlegen.

Hans Schwalbe, per E-Mail

Ob das Pfandbonurteil gerecht ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Man kann wegen 1,30 Euro seinen Job verlieren. Man kann für einen Euro ein Schloss kaufen. Beide Beträge haben einen Symbolwert. Entscheidend ist, was dahintersteckt. Kaufe ich ein Schloss, muss ich mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine immense Geldsumme im Rücken haben. Verliere ich aufgrund einer Vermutung meinen Job, bei einem Streitwert von 1,30 Euro, muss ein immenser Konflikt dahinterstecken. Möglicherweise hat Frau Barbara E. als Mitglied des Betriebsrats immense Fehler auf der Verhandlungsebene zwischen unterschiedlichen Interessen gemacht. Aber solange wir nicht genau wissen, was wirklich los ist, spekulieren wir weiterhin an der Oberfläche herum. Nur eins ist auf jeden Fall klar. Für Frau Barbara E., und nur für sie, ist der Schaden immens.

Aziz Weineck, per E-Mail

Herr Thierse soll selbstverständlich da einkaufen, wo er will. Ich bevorzuge Einzelhändler, die so gut wie möglich versuchen, mich vor Dieben zu schützen. Auch und vor allem, wenn es ihr eigenes Personal ist.

Heinrich Maiworm, per E-Mail

Das Arbeitsrecht wurde wie alle anderen Gesetze von der Legislative - den von uns gewählten Politikern - verfasst. Das Gericht hat nur festzustellen, welcher Paragraf des Gesetzes auf den Fall zutrifft, und danach Recht zu sprechen. Alle Leser, die sich über das vorliegende Urteil durch das Arbeitsgericht beklagen, sind weder über unser Rechtssystem noch über das Arbeitsrecht hinreichend informiert.

Burkhard Witte, Hermsdorf

Herr Thierse weiß, wovon er spricht, vermutlich stammt die ertappte Verkäuferin, genau wie er, aus der ehemaligen DDR und hat die ersten zehn Jahre im Konsum gearbeitet, der dann von Kaiser's übernommen wurde, also haben beide auch die gleiche volkseigene Einstellung zu diesem Sachverhalt, und das hieß in der DDR nicht klauen, sondern organisieren.

Egon Staud, per E-Mail

Zur Angemessenheit der Entlassung will ich mich gar nicht äußern, denn dass eine solche Verfehlung einen Vertrauensverlust bedeutet, ist beim Job eines Kassierers nachvollziehbar. Vielmehr frage ich mich, inwieweit mit gleichem Maßstab gemessen wird. Ich würde mich anhand dieses Falles über eine journalistische Recherche freuen, in der die Auswirkungen von Verfehlungen unserer Manager und Politiker untersucht und dem gegenübergestellt werden. Zumindest gefühlt wird meines Erachtens in diesem Land mit zweierlei Maß gemessen.

Jan Holthuis, per E-Mail

Sollte die Kassiererin wirklich eine Unterschlagung begangen haben, so ist das Urteil auch gerechtfertigt. Allerdings müsste auch hier, wie im Strafrecht, der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" gelten.

Das Gericht sprach nicht die Kassiererin einer (bis heute nicht) bewiesenen Unterschlagung für schuldig, sondern die Kündigung aufgrund eines (unbewiesenen) Verdachtes für rechtmäßig. Das ist unfassbar, öffnet es doch Tür und Tor für alle Unternehmen, die ihre Mitarbeiter noch massiver unter Druck setzen können. Nun sind diese ohnmächtig der Situation ausgesetzt, permanent mit willkürlichen Kündigungen rechnen zu müssen. Eine unerträgliche Situation für alle rechtschaffen arbeitenden Menschen im Handel und ein Rückschritt in die Steinzeit.

Regina Jacob, per E-Mail

All die Gutmenschen, welche sich jetzt so unbedarft auf die Seite der Kassiererin stellen, sollten mal überlegen, wie sie handeln würden, hätten sie selbst einen Betrieb mit einer solchen Dame an der Kasse!

Volker Diek, Schöneberg

Wäre ich Lebensmitteleinzelhändler, ich würde "Emmely" einen Job anbieten. Ich halte es für absolut lächerlich, einer Kassiererin nach so langer Beschäftigungsdauer wegen einer solchen Lappalie zu kündigen. Das hat mit Vertrauensbruch überhaupt nichts zu tun. Möglicherweise war sie es nur leid, die zwei Bons wochenlang herumliegen zu sehen.

Udo Bandow, per E-Mail

Es ist bemerkenswert, dass die Fa. Kaiser's der Mitarbeiterin, wegen der langen Beschäftigungszeit von mehr als 30 Jahren, nicht einen Verweis mit Eintragung in die Personalakte zuteilwerden ließ. Die fristlose Kündigung ist völlig überzogen, und es drängt sich der Verdacht auf, dass man nur auf eine Gelegenheit gewartet hat, um die gewerkschaftlich orientierte Mitarbeiterin loszuwerden. Da helfen auch die Bekundungen des Gebietsleiters nichts, sondern sie zeigen nur Härte, weil er meint, dass es egal sei, ob es sich um 1,30 Euro oder mehr handele. Vor allem hat die Pfandbongeschichte nichts mit Unterschlagung im herkömmlichen Sinne zu tun!

Willi Seidel, Spandau

Der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse im hohen Staatsamt kennt offensichtlich nicht den Unterschied zwischen asozial und unsozial. Beide Begriffe treffen nicht auf das Gerichtsurteil zu. Die Kassiererin hatte nicht einen Diebstahl nach Paragraf 242 StGB, sondern eine Unterschlagung nach Paragraf 246 StGB begangen.

Das Gericht würdigt die Umstände in diesem Falle bei der Tatausführung. Das war kein Kavaliersdelikt. Thierse hat versagt, als er die richterliche Entscheidung öffentlich angriff. Er griff damit auch die Freiheit unseres Rechtsstaates und die Demokratie an.

Kurt Hauer, Zehlendorf

Hier wollte man sich wohl an einer unliebsamen Mitarbeiterin rächen, und das Gericht ließ sich dafür instrumentalisieren. Wegen 1,30 Euro eine Existenz zu vernichten ist grotesk.

Hans-Joachim Junge, Lankwitz

Diese Zuschriften geben die Meinung unserer Leser wieder, nicht die der Redaktion. Wegen der großen Zahl an Briefen ist es uns leider nicht möglich, jede Zuschrift zu beantworten. Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen. Konrad Jahr-Weidauer kümmert sich als Redakteur um die Leserbriefe. Er ist Ansprechpartner und Mittelsmann zwischen Lesern und Redaktion.