Literatur

Wenn der Grieche bluten muss

In den Romanen von Petros Markaris werden Beamte für Betrug bestraft

Wer wissen will, wie es momentan in Griechenland aussieht, hat eine einfache Möglichkeit: Die Romane von Petros Markaris aufblättern. Markaris, geboren 1937 in Istanbul, hat die einzigartige und traurige Chance genutzt, als bereits routinierter Autor Athener Kriminalromanen das gesellschaftliche Delikt zu beschreiben, das an vielen seiner Landsleute seit dem de facto Staatsbankrott Griechenlands begangen wird – und das gerade Griechen fleißig an ihren Landsleuten weiter begehen. Markaris hat seinen Kommissar Charitos in Fälle geschickt, in denen griechische Bänker hingerichtet werden; in denen es linke Karrieristen der frühen Euro-Jahre blutig trifft; in denen Rächer mit antiken Langbogen Jagd auf reiche Steuerbetrüger machen.

Der neueste Fall des selbst krisengebeutelten Kommissars führt ihn in eine weitere Verästeltung der Misere: Griechen haben die notorische Unfähigkeit und Chaotik ihrer Bürokratie für den Geschäftszweig der professionellen Schmiergeldverteilung an Beamte verfeinert. Wer – in diesem Fall ein aus Deutschland zurückgekehrter Gastarbeitersohn – sich als Unternehmer in den Fallstricken der Behörden verheddert, dem helfen windige Makler weiter. Jedenfalls bis auch hier eine Rächerbande auf den Plan tritt und Subventionserschleicher, Geldumleiter, Agrarbetrüger mit einer alten Waffe der Militärjunta auszumerzen beginnt.

Die Geschichte klingt vertraut, doch der bekennende Athener Markaris hat genug soziales Elend um sich herum, um sie zu würzen mit faschistischen Polizeibeamten, die eine Migrantenanwältin zusammenschlagen; mit rassistischen Obdachlosen, die nicht einmal die zugewanderten Leidensgenossen mit ihrer Brutalität verschonen; oder mit korrupten Funktionären, die das Land sehenden Auges ins Elend gelenkt haben. Es ehrt den weisen Autor Markaris, dass er nicht das simple Täter-Opfer-Schema der momentanen griechischen Regierung verwendet. Für ihn geht die Misere tiefer, sie führt mitten in die Mentalität eines klientelistischen Staates; diese basiert auf Lebenslügen und Abrechnungen des Bürgerkriegs zwischen Kommunisten und Militärnationalisten nach 1945.

Dass die Syriza des Alexis Tsipras eine ewig diskriminierte, machtlose Fraktion von linksradikalen Kämpfern repräsentiert, die nun mit ihren Gegnern abrechnet; dass die Folterstrafen der Obristen bis in die zweite Generation der Gastarbeiter funktionieren, kann man durch Markaris plastisch begreifen.

Deutschland als Antipode kommt in dieser fotorealistischen Zustandsbeschreibung des heruntergekommenen Hellas quasi auf jeder Seite vor: Die Deutschen zwingen den Griechen ihre Wirtschaftspolitik auf; die Deutschen wissen immer alles besser. Aber es ehrt Markaris, dass er den Schwarzen Peter nicht bequem nach Berlin oder Brüssel weiterschiebt. In den Charitos-Krimis sind es nämlich die Griechen, die sich ihre Katastrophe wie zu Zeiten des Sophokles selbst zubereitet haben und nun mit korruptem Staatsdienern die unverdauliche Suppe auslöffeln müssen.

Petros Markaris: „Zurück auf Start – einFall für Kostas Charitos“. Diogenes, 356 Seiten, 23,90 Euro