Konzert

Hit-Hit-Hurra

David Garretts Konzert in der Waldbühne ist eine Reise durch die Chart-Geschichte

2009 hat David Garrett seine eigene T-Shirt-Kollektion für s.Oliver rausgebracht. Ein Jahr später lancierte der Star-Geiger sein s.Oliver-Duschgel. Es hieß „Rock Symphonies“. Wenn man das weiß, weiß man eigentlich schon viel, wenn nicht sogar schon alles über ein David Garrett Konzert. Wie es riecht, wie es aussieht, und wie es sich anhört.

Da ist ein weißes Piano. Davor sitzt Valentina Babor, die Piano Princess, so nennt sie sich. Am Mozarteum Salzburg hat sie studiert, das heißt, sie hat Talent, sehr viel sogar. Leider aber etwas weniger Geschmack, was wiederum erklärt, warum sie sich Piano Princess nennt. Sie ist das Vorprogramm von Garrett, sie ist die Werbung, seine Entdeckung, er produziert sie, ihr Crossover-Album-Debüt, es ist jetzt draußen. Sie lächelt angespannt, ihr Gesicht setzt sich dabei kontrastreich braunrot von ihrem weißblonden Haar ab. Die Augen geschlossen, den Oberkörper gold befrackt legt sie die Hände auf die Pianotasten, und dann – dann spielt sie 90er-Jahre Trance. Robert Miles, „Children“, der Song, der vor 20 Jahren aus den Micro-Stereoanlagen von bauchnabelgepiercten Bravo-Leserinnen stampfte, er stampft nun über die bunten Regenponcho-Köpfe vor der Waldbühne. Das Orchester ächzt, das Schlagzeug bummst, die peroxidierte Princess, sie kann das, Trance auf dem Piano nachspielen. Ja, es klingt fast wie damals, von CD, toll, toll. Und all die exaltierten Pianistenbewegungen, die kann sie auch. Sie spielt, spielt, spielt, das Bühnenlicht blitzt dabei mit ihr um die Wette, nur die bunten Ponchoköpfe, die bewegen sich nicht, wie Nadeln in einer Pinnwand stecken sie vor der Waldbühne fest. Als Babor nach drei Liedern aufsteht, sich lächelnd verbeugt, und geht, riecht es leicht nach verbranntem Talent.

Orchester-Cover-Butterfahrt

Ein Tusch, ein Feuerwerk, ein großes Bumm, Bumm, Bumm, so eröffnet Garrett. Es gibt einige Lieder, die wirklich niemand mehr covern sollte, und da muss man sagen, da ist der Geiger sehr gründlich, denn er spielt sie alle. „Let Me Entertain You“ macht, das passt natürlich, genial, genial, den Anfang. Seine Violine wird elektronisch verstärkt, man hört sie am lautesten, wie ein fröhliches Mäuschen in der Käsekammer fiept sie Gouda-hungrig vor dem Orchester der Neuen Philharmonie Frankfurt herum. Fidelt Garrett mal nicht, tritt eine heulige E-Gitarre in den Fokus. Es ist eine Mischung, sie nennt sich Crossover, sie klingt wie orange zu pink. Es folgt was folgen muss: Orffs „Carmina Burana“ in einer leicht entenquakigen Version, mit scheppernden Schlagzeug zu zeternden Violinen. Danach „Living On A Prayer“ von Bon Jovi, zu dem sich Garrett von zwei Tänzerinnen im Kiss-Shirt flankieren lässt, die zuvor noch mit Tänzern im Ramones-Shirt tanzten, sich nun aber gierig wie Stripperinnen um den Geiger herumwinden.

Nach jedem Lied und vor jedem Lied, da lässt er keine Distanz aufkommen, spricht der Geiger zum Publikum. Denn – und es ist ihm wichtig, dass das Publikum es weiß – jedes Cover, jeder fremde Evergreen, jeder Hit, hat hier seine ganz persönliche Daseinsberechtigung. Es ist nicht etwa Wahllosigkeit, die ihn dazu veranlasst „New York, New York“ zu spielen, nein, das gehört ins Programm, weil er da doch studiert hat. Und weil er da doch mit seinem Bruder noch immer eine Wohnung hat, und seine Mutter, die Primaballerina Dove-Marie Garrett, ihn letztes Jahr da besuchte und seine alte Butter weggeschmissen hat. Gelächter. Gekicher. Alte Butter, das passt. Der Garrett, der geigt einem eine fidele Orchester-Cover-Butterfahrt durchs Hit-Hit-Hit-Radioprogramm. Es stört nicht, man baut keinen Unfall während man es hört, aber es nimmt einen eben auch nicht mit – nach New York. Garrett trägt ein weißes T-Shirt, mit dem Aufdruck eines bellenden Kampfhundes, oben glitzert es, unten am Rand, kurz vor der Jeans, ist es auch noch beschriftet, da steht: Orgasm. Man weiß nicht, wo man zuerst hinsehen soll, es ist zu viel, es erweckt den Eindruck, Schnitt und Stoff des T-Shirts können nicht ideal sein, wenn man soviel Beigabe bemüht, es kleidsam zu machen. Für Garretts Bühnenshow gilt das Gleiche. Es ist eine einzige Ablenkung. Garrett geigt gut, das Publikum soll davon aber lieber nicht so viel mitbekommen. E-Gitarren Feuer frei, Flamencotänzerinnen wirbeln, ein DJ tritt auf, tischt noch mehr Beat, mehr Schmiss, mehr Krach dazu auf. Zu Springsteens „Born in the USA“ zeigt die Leinwand sicherheitshalber noch mal die amerikanische Flagge und alle 50 Sterne.

Wenn Garrett dann sein eigenes Stück „Serentity“ zum Besten gibt, darf es nicht langweilig werden, schließlich ist es kein seit Jahren bekannter Riesenhit. Stimmungsvoll soll es sein, also werden Kerzen im Sepia-Ton eingeblendet. Zu Mozart schießen Feuerfontänen aus dem Boden. Geil, geil, sagt einer im Publikum, während Garrett schon weiter ist, erklärt warum er als nächstes Abba covert, und dass er diese Version einst in nur 20 Minuten erarbeitet hat. Manchmal sagt er, kann alles so einfach sein. Seine Bühnenshow, die ist es leider nicht.