Oper

Medley für einen Roboter

| Lesedauer: 5 Minuten
Elena Philipp

Tanzen und singen kann Myon nicht: Die Opernerkundung „My Square Lady“ an der Komischen Oper

Was macht einen Menschen zum Menschen? Seine Gefühle? Empathie, Erinnerungen, Erkenntnisvermögen? Seine Endlichkeit? Grundlegenden Fragen stellen sich die Komische Oper und das deutsch-britische Performancekollektiv Gob Squad in ihrer Kooperation – die Opernerkundung „My Square Lady“ feierte am Sonntag Premiere. In tragenden Rollen: Der humanoide Roboter Myon und seine Konstrukteure, das Neurorobotik-Team um Professor Manfred Hild von der Beuth Hochschule für Technik Berlin.

Thron in goldener Muschel

Eine Roboteroper? Nun ja. Nach zwei Jahren Lehrzeit an der Komischen Oper dirigiert Myon mit mechanisch-abgehackten Armbewegungen gerade einmal einige Takte „La Traviata“. Eher ist „My Square Lady“ eine Oper für einen Roboter. Myon zu Ehren haben der Musikalische Leiter Arno Waschk und die Sängersolisten eine Playlist zusammengestellt – ein Medley für eine Maschine, quer durch die Opern-, Musical- und Popgeschichte. Emotionen soll er lernen, der 1,25 Meter hohe Kunststoffkerl, dessen Schaltkreise autonom, also unabhängig von Vorprogrammiertem, über das Speichern oder Verwerfen von Umwelteindrücken entscheiden, und der nun mit auf der Bühne sitzt, um mehr über die Menschen zu erfahren.

Mit Karl Jenkins’ „Sanctus“ beginnt die Show bombastisch, so wie von Dramaturg Ulrich Lenz in einem eingespielten Gespräch mit Myon als probat opernhaftes Eröffnungsmittel vorgeschlagen. Myon thront dazu in einer goldenen Muschel, umringt von den schmetternden Mitwirkenden – während Neurorobotiker Manfred Hild via Mikrofon vor einer Überhöhung der Technik warnt. Dann singt Sopranistin Mirka Wagner dem wie ein Kind auf ihren Schoß gebetteten Roboter wunderbar einfühlsam das „Lied an den Mond“ aus Dvořáks „Rusalka“ – das Sehnen einer Nixe nach menschlicher Liebe. Die tief dekolletierte Caren van Oijen bringt dem Wesen mit Purcells „Fairy-Queen“ die Freuden einer „charming night“ nahe, und mit Mozarts „Zauberflöte“ wird Myon als „holder Jüngling“ adressiert.

Stumm nimmt Myon Huldigungen wie Unterweisung hin. Sein zyklopisches Kameraauge fokussiert dabei nicht immer auf das Gesicht der Singenden, sondern in den Orchestergraben oder auf einen Berg Konfetti auf dem Bühnenboden, wie die Leinwandprojektion seiner Kamerabilder zeigt. Ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine besonders ausgefuchste Lernstrategie? Die Forscher werden es beim geduldigen Auswerten der Daten in ihrem Labor herausfinden. Myon soll den Neurobotikern Aufschluss über adaptive Verhaltensweisen geben. Nicht nur Myon soll lernen: Er ist ein Projekt menschlicher Selbstvergewisserung.

Entzauberung der Technik

„My Square Lady“ will auch eine bewusste Entzauberung von Technik sein, eine unterhaltende Vorführung des Forschungsstandes. Hollywoods Fantasien von künstlicher Intelligenz liegen noch in ferner Zukunft, das wird offenbar. Die Fähigkeiten des vor fünf Jahren erstmals vorgestellten Fünflings aus der Roboterserie Myon – der, vielleicht wegen überhitzter Gelenke oder nötigen Batteriewechsels, während der Aufführung zweimal ausgetauscht wird – befinden sich bestenfalls auf dem Stand eines Kleinkindes. Sitzen kann er, geführt gehen, noch nicht ganz stabil alleine stehen. Doch für eine Maschine ist das gleichzeitige Ansteuern mehrerer Gelenkpunkte ein hochkomplexer Vorgang, wie sein Forschervater Hild nicht müde wird zu betonen. Sprechen, singen, tanzen, wie man sich das für eine Roboteroper vorstellen mag, kann Myon auch nach zwei Jahren Projektdauer mitnichten. Das übernimmt Professor Hild für ihn, der im Glitzerjackett Robbie Williams’ „Feel“ anstimmt, während seine Mitarbeiter als Men in Black eine kleine Choreografie aufführen.

Doch gerade Myons wackelige Stehversuche, die scheppernde Stimme, mit der er sich selbst zum „Sitzen, aktiv“ aufruft, laden uns Zuschauer zur Projektion von Emotionen ein – nicht umsonst haben die Konstrukteure beim Design des Roboters auf das Kleinkindschema geachtet. Beifall brandet auf, nachdem Myon mit initiierender Unterstützung von Dirigent Arno Waschk aktiv einige Schlagfiguren abgerufen und den 3/8-Takt von Verdis „Brindisi“ angeleitet hat. Die Begeisterung ist komplett, als Myon beim großen Finale blechern zwei Textzeilen intoniert: „I Sing the Body Electric“ aus dem Musical „Fame“. Weit heruntergeschraubt wurden die Erwartungen an den Roboter in etlichen Frage- und Antwortrunden – aber nun kann Myon doch ein Kunststückchen vorführen. Bravo!

Den Bruch setzen Gob Squad bei ihrer Stückentwicklung gezielt als dramaturgisches Mittel ein. Live zergliedern sie die Gattung Oper, so wie Myon in einer Abendmahlszene in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt wird. Strategie ist dabei nicht nur die jeglicher Geschlossenheit entgegenwirkende Abfolge von Gesangsnummern, sondern auch der starke Kontrast: Wenn eine Arie allzu gefühlig wird, tragen Techniker im Bühnenhintergrund Kabel vorbei. Inspizientin Sabine Franz ruft in sachlichem Ton alle Beteiligten für die Sterbeszene auf die Bühne. Katarina Morfa schmelzt dazu die berühmt-berührende Klagearie „When I am laid in earth“ aus Purcells „Dido and Aeneas“. Diese Szene wäre eines Hollywood-Blockbusters mit dem Titel „Last Robot Standing“ würdig. Dafür müsste Myon – anders als Eliza aus dem titelgebenden Musical „My Fair Lady“ – gar nicht erst mühsam sprechen lernen.