Klassik-Kritik

Junge Pianisten beeindrucken am „Tag der Musik“

Carl Bechstein-Stiftung fördert erfolgreich ihren Nachwuchs

„Und das alles ohne Noten“, wispert ein Zuhörer im Publikum sichtlich beeindruckt. Die Gäste des Stipendiatenkonzerts der Carl Bechstein-Stiftung bekamen am vergangenen Wochenende im Charlottenburger Stilwerk einen hochvirtuosen Vortrag auf dem Konzertflügel zu hören. Dass sich die Träger solcher Hochkulturpflege schon ein gutes Stück von den bildungsbürgerlichen Ufern entfernt haben, verrät eine derartige Bemerkung allerdings auch.

Der breitenwirksame Teil der Stiftungsarbeit widmet sich daher den bröselnden Fundamenten und stellt zahlreichen Musikschulen Klaviere zur Verfügung. Wer sich mit dem Musikschulwesen in Berlin auskennt, weiß, dass selbst ehrgeizige Kinder oft nur ein elendes E-Piano unter die Finger bekommen. Und nicht einmal die Eltern stört es. Es läge fern, die Kulturförderung eines Unternehmens zu preisen, das etwa Tablet-Computer in Schulen verteilt. Dem Hersteller des Bildungsinstrumentes schlechthin, des Klaviers, sei es aber gegönnt, wenn er mit der Erhaltung der bürgerlichen Kulturtechnik ein wenig Markenglanz erlangt.

Abhandengekommen sind aber nicht nur die schönen Klaviere, sondern auch das Staunen über die Fähigkeiten des hochbegabten Nachwuchses. Dessen Förderung hat sich die Stiftung ebenfalls auf die Fahnen geschrieben. Wie steinig der Weg zur früh eingeforderten Wettbewerbs-Makellosigkeit ist, ahnt man kaum.

Mit kindlich-traumwandlerischer Sicherheit wischt die vierzehnjährige Japanerin Yumeka Nakagawa diesen Druck beiseite und legt die Lisztsche „Leggierezza“-Etüde mit manueller Perfektion und untadeligem Geschmack hin, wie das die Jungpianisten vor einem Jahrhundert wohl nie vermocht hätten.

Deren musikalische Freiheit ist in unserer Epoche ihrer bloßen Vortäuschung gewichen. In Nakagawas irrwitziger „Piece de Résistance“, der jazzigen „Tom and Jerry Show“ haben sich die improvisatorischen Finessen des Rag und des Stride-Piano in eine Hochgeschwindigkeitsetüde aus der Feder eines japanischen Landsmannes verwandelt – hart erarbeitet ist der Schein der Leichtigkeit.

Wenn man dennoch mit Vergnügen zuhört, ist das nicht zuletzt der Verdienst einfühlsamer Pädagogen, deren Namen man zu selten liest. Dass Jens Scheuerbrandt (Jahrgang 2000) Ludwig van Beethovens Pathétique nicht wettbewerbstauglich eingedrillt abliefert, sondern mit einem Abglanz jenes jugendlich gärenden Elans, der diese Sonate zum Traumstück aller jungen Klavierspieler macht, verdankt das Publikum gewiss der großartigen Sontraud Speidel aus Karlsruhe. Das größte Staunen aber hinterließen bei diesem Konzert die Jüngsten, Tabea und Daniel Streicher, geboren 2004 und 2002, und Schüler Galina Iwanzowas. Wie die beiden ein dezent neutönendes Auftragswerk (Marcus Caratelli) mit aller musikantischen Entdeckungslust zu ihrem Eigentum machen, ist regelrecht hinreißend. Mit ihrer Begabtenförderung ist die Carl Bechstein-Stiftung offenbar auf einem guten Weg.