Literatur

„Lieber wie jeck aussehen als wie sechsundfünfzig“

Lorrie Moores Geschichten aus den mittleren Jahren

Im amerikanischen Original heißt Lorrie Moores neuer Geschichtenband schlicht „Bark“ und zeigt – je nach Ausgabe – Bäume oder einen Dackel. Die erschienene deutsche Ausgabe ist mit „Danke, dass ich kommen durfte“ (Berlin Verlag, 19,99 Euro) betitelt. Auf dem Umschlag räkelt sich eine männliche Figur in Badehose in einem Liegestuhl, während eine Frau im Einteiler auf ihn einredet. Dadurch dürfte es selbst für arglose Leser nicht ganz leicht sein, über die komische, sexuelle Doppeldeutigkeit hinwegzusehen, die im Original völlig fehlt. Die abschließende Geschichte heißt dort „Thank You for Having Me“, was im Wesentlichen so viel bedeutet wie: „Danke für die Einladung“ (oder wie man seinerzeit zur Mutter des Schulfreundes zu sagen pflegte: „Danke fürs Dableibendürfen.“).

Der Spruch steht übrigens auf dem T-Shirt des Ex-Mannes des Kindermädchens der Tochter der Icherzählerin, der für die musikalische Untermalung der Hochzeit seiner Ex-Frau zuständig ist. Und ja, die Geschichten, die Moore hier versammelt hat, sind alle so: ein bisschen kompliziert, ein bisschen skurril, ein bisschen traurig.

Salopper Zynismus

Besagte Erzählerin ist eine typische Moore-Heldin, die sich mit dem Erziehungs-, Beziehungs- und Körpersilhouettenhorror der mittleren und postmittleren Jahre herumschlagen muss, und auch die fünfzehnjährige Tochter ist irgendwie typisch Moore: So altklug, schnoddrig und abgebrüht, wie sie auftritt, ahnt man, dass sie einmal werden wird, was sie jetzt schon ist – eine Frau aus einer Kurzgeschichte von Lorrie Moore.

Man kann diese zwischen saloppem Zynismus und genuiner Verzweiflung changierende Giftigkeit der Protagonistinnen und Protagonisten und deren Verachtung für die Frauen, die Männer, das Leben, die Welt und sich selbst durchaus nachvollziehbar und unterhaltsam finden, sie ist bloß etwas überdosiert. Sarkasmus unterliegt einem Lakoniegebot. Wenn die Kinderärztin, mit der sich der scheidungswunde Ira verabredet, ihre Ratlosigkeit gegenüber ihren Patienten mit den Worten „Wir dürfen sie ja nicht schlagen“ artikuliert, funktioniert das; wird der sprachliche Aufwand erheblich größer, verliert sich der Witz und verkommt schlimmstenfalls zu logorrhoischem Selbstmitleid.

Lorrie Moore hat einen unheilvollen Hang zu elaborierten Wie-Vergleichen und preziösem Vokabular. Es stinkt dann nicht einfach nach Katzenpisse, sondern diese wabert als „honigsaurer Geruch“ durch die Wohnung, und wenn die Sonne untergeht, tut sie das „in kohlrübenfarbenen Streifen“. Und die Heldin der Story „Nicht realisierte Verluste“ entdeckt im Gerichtssaal, „dass ihre Ehe dem County gehörte und dass das County sie jetzt zurücknahm wie eine Hühnchenfiliale, die sie in den Bankrott geritten hatte, verbunden mit dem Verbot, im Laufe des nächsten Jahres eine andere Hühnchenfiliale zu leiten, und der Empfehlung, sich möglichst noch länger von jeglicher gastronomischen Hühnchenverarbeitung fernzuhalten.“ Was genau will uns die Autorin damit eigentlich sagen? Als europäischer Leser laboriert man gewiss an landeskundlichen Defizit, aber dass Gebietskörperschaften in den Vereinigten Staaten ein Wiederverheiratungsmoratorium über frischgeschiedene Ehefrauen zu verhängen pflegen, mag man trotzdem nicht so recht glauben.

Frank Heiberts etwas unentschieden zwischen Zwangsoriginalität und zweifelhafter Wortwörtlichkeit changierende Übersetzung trägt das Ihrige dazu bei, das Dilemma zu verschärfen. „He would rather look startled and insane than look fifty-six“ heißt dann „Er wollte lieber wie jeck aussehen als wie sechsundfünfzig“; dafür wird „They’re patrolling the house“ einfach mit „Sie patrouillieren das Haus“ wiedergegeben.

Leicht macht es die Autorin ihrem Übersetzer in der Tat nicht: Wenn zum Beispiel im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung „der übliche hauchdünne Firnis der Schicklichkeit in den Trendwind geschlagen“ wird, dann liest sich das im Original um nichts weniger gespreizt: „the usual diaphanous veneer of seemliness has been tossed to the trade winds“.

Insgesamt verläuft die Lektüre von „Danke, dass ich kommen durfte“ ein wenig wie Smalltalk mit einem Witzbold: Man wird ihrer doch relativ rasch müde. Oder um es in den ausnahmsweise einmal recht knappen Worten von Lorrie Moore zu sagen: „Er versuchte die ganze Zeit witzig zu sein, als würde er für irgendeine Rolle vorsprechen: Das gefiel ihr nicht mehr.“