Konzert-Kritik

Einen Brahms, den man so wohl nie wieder hören wird

Die Philharmoniker zwischen Werkstatt und Experimentierstube

Ist das noch Philharmonie oder schon Waldbühne? Bereits vor Saisonende verblüffen die Philharmoniker mit einem halbseriösen Rausschmeißer: George Enescus’ „Rumänische Rhapsodie op. 11 Nr. 1“. Ein Werk, das handfesten Humor und wildwüchsige Tanzeinlagen enthält. Ein Werk, das beinahe erschreckend simpel daherkommt und trotzdem fasziniert.

Der Waldbühnen-Verdacht bestätigt sich bei genauerem Blick ins Programmheft. Chefdirigent Simon Rattle hatte dieses Werk vor ziemlich genau acht Jahren schon mal unter freiem Himmel dargeboten. Größter Gag der Rhapsodie: Der jähe Schluss auf der Dominante, mit ellenlanger Pause danach und in der Bewegung erstarrten Musikern. Das Publikum ist perplex. Es fühlt, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Und wirklich: Rattle erwacht plötzlich wieder zum Leben, seine Musiker ebenfalls. Es folgt noch ein kurios gesteigerter Nachschlag. George Enescu sei der „erstaunlichste Komponist seit Mozart“, hat einst der berühmte Cellist Pablo Casals geschwärmt. Nun ja – erstaunlich ist die „Rumänische Rhapsodie op. 11 Nr. 1“ ohne Zweifel.

Mehrfach geprüfte und verbürgte Qualität bietet dafür Brahms’ Violinkonzert in der ersten Konzerthälfte. Ein überaus bekanntes Repertoirestück, das von Sologeigern ebenso wie vom Publikum geliebt wird. Weniger allerdings von Orchestern und Dirigenten. Warum das so ist, zeigt sich auch an diesem Abend: Die künstlerische Individualität des Solisten und der sinfonische Anspruch des Werks lassen sich nach zwei Proben kaum ideal miteinander verschmelzen. Zumal mit Christian Tetzlaff ein Geiger auf dem Podium steht, der von unvorhersehbaren Genialitätsschüben gepackt wird. Der 49-jährige Hamburger würde im Gegensatz zu einigen Philharmonikern niemals einen Klangschönheitswettbewerb gewinnen. Ganz einfach, weil es seinem musikalischen Wesen widerspricht. Für Tetzlaff steht draufgängerischer Ausdruck an erster Stelle, ihm ordnet er alles andere unter. Er nimmt Geräuschhaftigkeit und schiefe Töne nicht nur in Kauf, er provoziert sie geradezu.

Das allein wäre für Rattle noch kein Problem. Doch hinzu kommen Tetzlaffs originelle Temposchwankungen und Artikulationsideen. Die Philharmoniker folgen ihrem Solisten so gut wie es geht. Heraus kommt ein Brahms, den man so noch nie gehört hat und wohl auch nicht wieder hören wird. Eine Darbietung, die an eine Mischung aus Werkstatt und Experimentierstube erinnert. Tetzlaff verlässt als gefühlter Sieger das Podium.

Die Philharmoniker können ihre solistischen Qualitäten dagegen erst in der zweiten Konzerthälfte beweisen. Nicht nur bei Enescu sondern vor allem in Debussys sinfonischen „Images“, einem Zyklus, der lange nicht so leicht ins Ohr geht wie das bekanntere „La mer“ oder die „Nocturnes“. Rattle fordert einen klaren, nüchternen Debussy. Er legt die Instrumentationskünste des französischen Impressionisten auf radikale Weise offen. Ein Verfahren, das einen Nachteil hat: Die für Debussy typische Klangmagie geht verloren.