Ausstellung

Wahlverwandtschaften

Die C/O-Galerie zeigt Fotografien von Viktoria Binschtok, die sich mit dem Bilderfluss im Netz beschäftigt

Irgendwann, es muss im Jahr 2009 gewesen sein, beschloss Viktoria Binschtok, eine Reise nach New York zu machen. Die Fotografin nimmt aber nicht den Flieger von Berlin aus, sondern setzt sich an ihren Laptop, klickt sich bei Google Street View ein. Seit mehreren Jahren sind die Wagen mit den großen Rundum-Kameras auf dem Dach weltweit unterwegs, um für den Webdienst Straßenzüge und Häuserfassaden aufzunehmen. Dabei werden natürlich auch Passanten, viel Unspektakuläres, auch Skurriles festgehalten. Binschtok also „marschiert“ los, eignet sich New York virtuell an, vorbei an einem typischen American Diner, der aussieht wie eine spacige Aluminiumdose, weiter zu einem Straßenkiosk, irgendwo an der 5. Straße vielleicht, bleibt hängen an einer prunkvollen „golden door“ eines Hotels, die von der Security bewacht wird.

Die Welt der bunten Globen

Nun fängt ihr Experiment erst an: Sie vergrößert diese anonymisierten Automatenbilder und erkennt, dass diese durch die Verpixelung der Menschen jede Tiefe verlieren. Bald darauf reist Binschtok wirklich nach New York, um sich ihr eigenes Bild von der Stadt zu machen. Das Fotografen-Ich gegen die Google-Maschinerie. Aus diesem doppelten Bildverfahren entstand die Serie „World of Details“, die im ersten Stock der C/O-Galerie zu sehen ist. Ein Ort, zwei Sichtweisen: Da sehen wir die Google-Aufnahmen in Schwarz-Weiß, daneben hängen ihre eigenen, subjektiven Referenzbilder, die sie unterwegs gemacht hat: die roten Sitze des Diners, der ordentlich sortierte Zeitungsstapel vor dem Kiosk und der Stuhl im Eingang des Goldtürenhotels. Aber welches ist nun das Original? Ist das auch wirklich dieselbe Adresse?

Mit den Arbeiten von Viktoria Binschtok, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, setzt C/O-Galerie auf ihr neues Format „Thinking about Photography“. Neben Ausstellungen von Klassikern und der Aufarbeitung von Fotogeschichte versteht sich C/O unbedingt auch als Forum für zeitgenössische Fotografie. Durch die Digitalisierung gibt es eine neue Form der Bilderkultur, andere Wege der Distribution, der Beruf des Fotojournalisten beispielsweise hat sich stark verändert. Und diese Entwicklung soll bei C/O auch im Programm sichtbar sein.

„Das ist eine Revolution“, findet Kuratorin Ann-Christin Bertrand. „Wir sind heute anders gefordert, über die Bilder zu reflektieren, wir haben ein Verantwortungsbewusstsein, die Allgegenwärtigkeit und die Macht der Bilder ist immens.“ In den sozialen Netzwerken werden täglich Millionen von Fotos transferiert, wie weit ist ihnen zu trauen – da „müssen wir sehen, wo wir stehen“, sagt Bertrand. In der Berliner Agentur Ostkreuz hat sich ein Verein gegründet, dort diskutieren Fotografen diese Fragen.

Fotos prägen Geschichte

Viktoria Binschtok, 1972 in Moskau geboren, hat sich schon relativ früh während ihres Studiums in Leipzig in ihren Arbeiten mit dem World Wide Web und den veränderten Bedingungen beschäftigt, mit Bildmigration und den Spielformen von Algorithmen. Drei Räume, drei Arbeiten läuft der Besucher nun bei C/O ab. 2002, da ersteigerte Binschtok für ihre Serie „Globen“ um die zwanzig Erdkugeln auf Ebay. Die bunten Kugeln, klein, groß, beleuchtet, dunkel, kaufte sie von privaten Anbietern, die ihre Objekte per Foto online gestellt hatten. Einige stehen auf weißen Häckeldeckchen, andere direkt auf dem blanken Nachtschrank oder aber thronen auf dem Schreibtisch.

Allein an diesen Fotos sieht man, wie sich unser Verhältnis zur Welt verändert hat. Welcher Haushalt verfügt heute noch über dieses drehbare Weltmodell, das mal als Einrichtungsgegenstand taugte? In globalisierten Zeiten steigt man in den Billigflieger, früher musste jenes Fernweh öfters mal gestillt werden durch die Reise des Fingers auf dem Globus. Da war die Welt noch klein und fern zugleich. Die Berliner Fotografin hat diese Onlinefotos wiederum analog abfotografiert. Die 20 Pakete mit den Globen stehen nun im C/O-Ausstellungsraum, ausgepackt hat sie die Fotokünstlerin in all den Jahren nicht, sagt sie. Wer vor den Pappkartons steht, hat den Impuls sie auszupacken. Das ist Teil der künstlerischen Strategie, die Realität formt sich durch jene Bilder, die wir von ihr sehen. Marc Beckmann, Fotograf bei Ostkreuz, kehrt das Verfahren um. Sein Langzeitprojekt „Anniversaries“ geht direkt rein in die Realität. Seit Jahren fotografiert er Militärparaden, D-Day-Feierlichkeiten, den Frauentag am 30. Jahrestag der iranischen Revolution.

Ihn interessieren weniger die festgefügten Rituale und der öffentliche Umgang, er tritt immer einen Schritt weit hinter dem medienwirksamen Event zurück. Er zeigt die schwarze Schleierfrau im Iran am unteren Ende einer Treppe, fotografiert aus der leichten Vogelperspektive. „Die Fotos zeigen nicht unbedingt, was wir sehen“, meint Beckmann, „sondern, was wir sehen wollen. Auch das bestimmt Geschichte“.

C/O-Galerie, Amerika Haus, Hardenbergstr. 22-24. Tgl. 11 bis 20 Uhr. Bis 16.9.