Musik

Es gibt noch Hoffnung für den Jazz

Übergeschnapptes Manifest: Das Debütalbum von Kamasi Washington

Schon der Anfang ist der reine Größenwahn. Zwölf wunderbar verschrobene, energiegeladene Minuten lang wird der staunende Hörer in „Changing Of The Guard“ mit Streicherflächen und irre angehauchten Science-Fiction-Chören weggeblasen und daran erinnert, wie viel philosophierenden Groove bewusstseinserweiternde Musik haben kann. Von gleich zwei Schlagzeugern und zwei Bassisten, weil es geht. Das Hirn wird mit Musik geflutet, die sich vom Vier-Buchstaben-Etikett „Jazz“ nichts vorschreiben lässt.

Doch es kommt noch besser. Weil ein junger Tenorsaxofonist und Arrangeur aus Los Angeles sich die ganz große Ansage vornahm, kann am Ende so etwas irrwitzig Überbordendes dabei herauskommen wie „The Epic“ von Kamasi Washington. Merken, den Namen. Sehr viele Jazz-Alben muss man nicht unbedingt haben, weil sie gelerntes Handwerk vorführen. Dieses ist anders, es steckt voller Überraschungen und geschmeidigen Kurswechseln.

Fast drei Stunden kurz ist „The Epic“, eine Zehn-Mann-Band, ein 20-köpfiger Chor und dazu, wenn schon, denn schon, eine dick aufgetragene Streicherbesetzung. Kein normales Album also, sondern eher ein sympathisch übergeschnapptes Manifest. Und selbst das ist nur ein Bruchteil des größeren Ganzen. Washington und seine Musikerkumpel hatten sich 2011 einen Monat lang zum ungestörten, kollektiven Kreativitätsschieben in die Ruhe eines Aufnahmestudios mit viel Fassungsvermögen zurückgezogen. Als sie diese Aufgabe für angemessen beendet hielten, hatten sie 190 Titel auf der Festplatte, Material genug für mindestens acht Alben in den unterschiedlichsten Personalkombinationen.

Mit Washingtons Debüt hat das Brainfeeder-Label von Steven Ellison, dem Neffen von Alice Coltrane, ein Meisterwerk im Katalog. Die Vorablorbeeren haben sogar dafür gesorgt, dass es wegen der vielen Vorbestellungen bei Amazon die Jazz-Charts anführt, aber nicht nur dort momentan nicht lieferbar ist.

Dieses Album, Washingtons filmisch inszenierte Essenz aus den 45 damals aufgenommen Tracks, ist ein Zeitdokument, wegen und trotz der Unruhen in Ferguson oder Baltimore, wegen und trotz Obama im Weißen Haus, wegen und trotz einer trickreichen Kulturindustrie, die moralische Widersprüche bei Live-Konzerten zu Höchstpreisen an instagramsüchtige Teenager verkauft.

Dieses Album ist rasend politisch, doch es behält einen klaren Kopf und erzählt versonnen lächelnd von der Schönheit einer klugen Revolution. Wer schreit, hat unrecht, sagt dieser Dreiakter. In „Malcolm's Theme" werden Erinnerungen an den Bürgerrechtler Malcolm X geweckt. Bandleader und Album-Architekt Washington verbeugt sich tief vor den Großen, besonders vor dem klassischen John Coltrane, vor McCoy Tyner, vor Albert Ayler und Pharoah Sanders und dem noch nicht elektrifizierten Miles Davis, vor den Künstler-Egos von Ellington, Mingus und Monk.

Washingtons Kompositionen haben einen ausgesprochen langen Atem und nehmen sich die Zeit, die es braucht, um zu wirken. Solche Platten, solche Statements wurden schon lange nicht mehr gemacht und schon erst recht nicht von jungen Musikern. Kamasi Washington ist gerade einmal 34. John Coltrane hat im gleichen Alter erst sein wegweisendes Album „Giant Steps“ aufgenommen und sein ins Sphärische wegweisendes Spätwerk gab es noch nicht. Washington hat das alles noch vor sich und ein halbes Jahrhundert Jazz-Geschichte zusätzlich, von der er sich inspirieren lassen kann. Beneidenswert, mutig, umwerfend, epochal.

Kamasi Washington: The Epic (Brainfeeder)