Premiere

„Das Gefühl von Verliebtheit spüren“

Philipp Stölzl inszeniert Gounods „Faust“ voller Sehnsucht nach Jugend und Leben. Heute ist die Premiere an der Deutschen Oper

Filmregisseure sind im Opernbetrieb rar geworden. Rückblickend weiß man, dass sich das Regietheater nur populärer Namen und prächtiger Filmbilder bedienen wollte. In den meisten Fällen haben Film und Oper nicht zusammen gefunden, und die Kinostars sind wieder verschwunden. Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl, dessen Inszenierung von Charles Gounods „Faust“ am Freitag Premiere an der Deutschen Oper hat, ist heute einer der wenigen, die erfolgreich das bildmächtige Erzählhandwerk mit musikalischer Sinnlichkeit verbinden können. In seiner ersten Arbeit am Hause hatte er 2010 Hitlers Lieblingsoper, Wagners „Rienzi“, auf den Berghof nebst Alpenpanorama verlegt. Die düstere Inszenierung lebte noch von großformatigen Filmeinspielungen. Gounods „Faust“ hält Stölzl für filmisch und kurzweilig genug. Also bleibt der „Faust“ eine Oper pur. „Film als Beiwerk, das ist mir zu blöd“, sagt er.

Zwischen Oper und Film

Stölzl arbeitet in Parallelwelten, wie sich im Gespräch am Rande einer Probe herausstellt. Während er in Berlin seine Oper inszeniert, plant er bereits für die zweite Jahreshälfte den nächsten Filmdreh. In Kroation wird er drei Teile „Winnetou“ drehen. Und das an einer filmhistorischen Stätte, wo einst die großen alten Berliner Filmproduzenten Atze Brauner und Horst Wendlandt in Konkurrenz zueinander den gesamten Karl May verfilmten. Für heutige Filmdrehs gilt es viel zu organisieren. Zumal Kroatien einen Bürgerkrieg hinter sich hat und hinter dem berühmten Winnetou-Felsen immer noch vermintes Gelände sei, sagt Stölzl.

Ob „Faust“ oder „Winnetou“, beides sind archetypisch deutsche Stoffe. Sie haben viel mit der deutschen Seele zu tun. Der „Faust“ geht auf Goethe zurück, und auch die Karl-May-Filme bedienten große Sehnsüchte. „Es geht um die Friedensbotschaft, die da drin steckt“, sagt Stölzl, „um die Freundschaft zwischen dem roten und dem weißen Mann. Und das Gute siegt. Das kann nur jemand geschrieben haben, der in Sachsen saß und nie in Amerika war. Nie die Grauen des Genozids der Indianerstämme mitbekommen hat.“

Eine Neuinterpretation hält Stölzl für überfällig. „Der erste Karl-May-Film kam 15 Jahre nach dem Krieg heraus, es gab noch kein Farbfernsehen. Es gab die Sehnsucht, im Kino mit Winnetou in eine märchenhafte Welt zu reisen. Dem ganzen deutschen Kino der Zeit haftete ja an, eine Art Urlaubsersatz zu sein. Das moderne Fernsehpublikum will mehr Realität haben. Indianer mit großen Perücken sind nicht mehr glaubhaft.“

Der Filmemacher hat nach ersten Videoclips etwa für Rammstein und Madonna mehrere große Spielfilme vorgelegt, darunter das Bergdrama „Nordwand“ oder zuletzt Gordons Bestseller „Der Medicus“. Im Kostümfilm „Goethe!“ war er dem jungen, liebenden Dichter auf den Fersen. Stölzl ist ein Goethe-Kenner, was ihm das Verständnis der französischen Oper einfacher macht. Offenbar hat er alle Motivationen, Leidenschaften und Winkelzüge durchmessen. „Die Kulturgeschichte lebt von der Metamorphose“, sagt Stölzl. „Jemand schreibt ein Gedicht, der nächste malt ein Bild darüber, der nächste formt es zu einem Drama um, die übernächste dreht einen Film. Jeder hat seinen eigenen Blickwinkel. Das ist doch das schöne an der Kunst.“ Und immer sind auch nationale Sichtweisen darin verborgen.

Goethes „Faust I“ wurde 1808 veröffentlich, Gounods „Faust“-Oper erlebte 1859 in Paris ihre Uraufführung. Die Oper galt zunächst den Deutschen als zu französisch und den Franzosen zu deutsch. Das gehörte mit zum Zeitgeist. „Im Europa von heute, in dem Frankreich und Deutschland so brüderlich zueinander stehen, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie präsent die Feindbilder im 19. Jahrhundert waren. In Goethes Faust gibt es genügend franzosenfeindliche Sprüche.“ In Deutschland wurde die Oper lange Zeit nicht unter dem Titel „Faust“, sondern als „Margarethe“ aufgeführt.

Wobei die Umbetitelung gar nicht so abwegig ist. Goethes „Faust“ kommt mehr als ein Männerstück daher, Gounods „Faust“ ist eine Frauenoper. Bei Goethe verfolgen die Deutschen, wie der Sinnsucher sich mit dem Teufel einlässt, uneingeschränkte Macht bekommt und am Ende seinen Preis zu zahlen hat. Bei dem Franzosen geht es zuerst um die Liebestragödie der Margarethe. Nachdem Faust sie verführt hat, wirft er sie weg „wie eine leer getrunkene Cola-Dose“, sagt Stölzl: „Er will nur das Gefühl der Verliebtheit spüren, er meint aber nicht die Frau. Es ist ein emotionaler Missbrauch.“

In beiden Fällen beginnt „Faust“ im einsamen Stübchen. „In Goethes Studierzimmer sitzt ein knarziger Typ, der an die Grenzen des Universums gestoßen ist, der Gott beschimpft, weil er ihm nicht mehr Erkenntnis zubilligt. Dann kommt der Teufel“, beschreibt er den Unterschied: „Bei Gounod sitzt einer da und singt darüber, dass ihm nichts geblieben ist. Dann kommt der Teufel und sagt ihm, du kannst die Jugend wieder haben. Er steht am Ende seines Lebens, und draußen zieht zu Ostern die Unschuld vorbei. Die Sehnsucht nach dem Leben treibt ihn in den Vertrag.“

Erinnerungen wachgerufen

Der Regisseur hält Gounods Figur für greifbarer als Goethes übermenschlichen Faust. Stölzl zeigt einen schwerkranken Mann auf der Opernbühne. Das Stück hat in ihm Erinnerungen an seinen Zivildienst wachgerufen, als er eine WG von Rollstuhlfahrern betreute. Alle waren jung, ungefähr im gleichen Alter. „Ich erinnere mich, das Schlimmste war, wenn wir im Frühling die ersten Ausflüge machten. Es gibt immer diese eine Woche, in der die Stadt erwacht. Als Mann guckst du und fragst dich, wo kommen plötzlich diese vielen hübschen Mädchen her? Die Rollis hatten die gleichen Sehnsüchte im Kopf. Aber ihnen war es verwehrt. Bei Gounods Faust ist es ähnlich.“

Zum Männerversteher muss Stölzl auch bei „Winnetou“ werden. An den alten Filmen stört ihn, dass Winnetou und Shatterhand immer so steif und distanziert miteinander umgehen. „Eine Männerfreundschaft muss auch ihre Höhen und Tiefen, ihre Missverständnisse gehabt haben. Sie müssen sich über die kulturellen Grenzen hinweg kennen lernen. Auch mal lachen und am Lagerfeuer über Weiber sprechen“, so Stölzl, „In den 60er-Jahren waren die Männer anders miteinander. Viele Männer waren im Krieg gewesen. Eine Landser-Kameradschaft hat anders funktioniert als eine Skater-Freundschaft heute.“

Natürlich kommen wir auf den kürzlich verstorbenen Pierre Brice zu sprechen, der als Winnetou Generationen geprägt hat. Stölzl hatte ihm eine Rolle als alter Schamane geschrieben, Brice hatte abgelehnt. „Aber er hat mir geschrieben, was die Botschaft von Winnetou ist. Es ist der Glaube, dass es das Gute in der Welt geben muss“, sagt Stölzl: „Er hat mich gemahnt, sorgfältig mit der Botschaft umzugehen. Den Brief habe ich aufgehoben.“