Kino

Die Angstlosen

Am Freitag wird der Deutsche Filmpreis verliehen. Ein Treffen mit Laia Costa und Christian Friedel, den überragenden Darstellern des Jahres

Laia Costa stand gerade unter der Dusche, als der Anruf kam. Die Spanierin war nackt und troff vor Wasser, als die Schwester rief: „Du musst kommen.“ Und dann tanzten sie einen verrückten Tanz, als die Schauspielerin erfuhr, dass sie für den Deutschen Filmpreis nominiert ist. Christian Friedel dagegen brütete gerade über seiner Steuererklärung, als der Verleih ihm eine SMS schickte. Der Magdeburger starrte ein bisschen ungläubig auf das Display des Handys. Ein surrealer Moment, wie diese beiden Welten, die kühlen Zahlen und die Erwählung durch die Deutsche Filmakademie, da aufeinandertrafen.

Am 19. Juni, bei der Verleihung der Lolas, werden die beiden Schauspieler bangen, wenn es um die Sparte Beste Hauptdarsteller geht. Ein paar Tage zuvor treffen wir die beiden im „Waldorf Astoria Hotel“ und bringen sie erstmals zusammen. Sie kennen sich noch nicht, geben aber ganz ungeniert aufeinander zu und sind sich sofort sympathisch. „We are twins“, frotzelt die Barcelonerin, wegen der blauen Hemden, die beide tragen. Auch die Sprache ist kein Problem. Laia Costa kann kein Deutsch, Christian Friedel ist nicht so flüssig im Englischen, probiert es aber tapfer, auch wenn ihm immer mal wieder Worte fehlen. „Macht nix“, meint die 29-Jährige, „beim Drehen haben auch alle Deutsch gesprochen, und ich habe nichts verstanden.“ „Nein“, entgegnet der 36-Jährige, „ich muss das üben.“

Kein Druck, keine Angst

Unsere Paarung hat Kalkül. Bei der Lola-Verleihung gibt es zwei Favoriten mit je sieben Nominierungen. Auf der einen Seite ist da Oliver Hirschbiegels „Elser“, ein sehr konventionelles Historiendrama über den Hitler-Attentäter Georg Elser, fast schon ein wenig volkshochschulenhaft-belehrend und obendrein mit einer Liebesgeschichte verknüpft, die bei dem Thema eher stört. So muss das wohl sein bei deutschen Historienstoffen; der ebenfalls nominierte Film „Im Labyrinth des Schweigens“ über die Auschwitz-Prozesse ist ähnlich konstruiert. Aber „Elser“ besticht vor allem durch seinen Hauptdarsteller: Christian Friedel. Und auf der anderen Seite ist da Sebastian Schippers Berlin-Film „Victoria“, der ganz anders funktioniert. Der auf alles Glatte, Kalkulierte pfeift. Und ohne Drehbuch, nur mit zwölf Seiten Skript mit seinen Schauspielern eine Geschichte improvisiert hat, die vom zärtlichen Anbandeln eines Paares zu einem verunglückten Banküberfall und der Jagd durch Polizisten führt. Und das alles in einer einzigen Nacht gedreht, 140 Minuten lang ohne jeden Schnitt. Eine einzige lange Einstellung. Das bedeutete Konzentration und ergibt ein unmittelbares, direktes, so nie erfahrenes Kinoerlebnis.

So unterschiedlich kann der deutsche Film also sein. Und die ganze Spannbreite steht quasi mit diesen beiden Schauspielern vor uns, die jeweils die Titelfiguren der Favoritenfilme spielen. Jetzt erzählen sie uns, und auch sich gegenseitig, wie sie mit diesem Druck umgegangen sind. Natürlich war das schwierig, gibt die Spanierin zu, die Angst, zu patzen und alles zunichte zu machen. Aber das sei auch unheimlich befreiend gewesen, einmal so zu arbeiten. „Das ist doch wie das Leben, du musst auf alles vorbereitet sein. Man darf nur keine Angst haben.“ Für Friedel gab es einen Druck ganz anderer Art. Den Brandauer-Vergleich. Auch der Weltstar Klaus Maria Brandauer hat vor 26 Jahren schon einmal den Georg Elser gespielt. „Ich habe seinen Film aber erst jetzt, im Nachhinein gesehen“, gibt Friedel zu. „Ich habe das ganz weit weggedrängt, ich wollte frei sein, um einen eigenen Zugang zu finden.“ Kein Druck, Freiheit: Das haben die beiden schon mal gemein.

Für Laia Costa ist es die erste Nominierung. Und es ist nicht seltsam für sie, dass sie die im Ausland bekommt. Ihr erster Film „Fort Russ“ wurde in Russland gedreht, in ihrem Bühnendebüt „Raub, Prügel und Tod in Agbanäspach“ musste sie Deutsch sprechen (was sie phonetisch gelernt hat) – und eine Bank überfallen. Das hat sie wohl prädisponiert für die „Victoria“-Rolle. Und: „Außerhalb von meiner Heimat zu arbeiten, das scheint irgendwie meine Geschichte zu sein.“

Bei der Lola vor fünf Jahren war so ziemlich jeder Beteiligte von Michael Hanekes „Das weiße Band“ nominiert, nur nicht Christian Friedel, der da die Schlüsselrolle des Lehrers spielte und damit seinen Durchbruch erlebte. Er schüttelt aber entschieden den Kopf bei der Frage, ob das frustrierend war, selbst nicht im Rennen zu sein. „Frustrierend war nur, dass ich damals nicht zur Lola-Verleihung kommen konnte. Ich stand in Dresden auf der Bühne.“ Dafür war er aber zuvor bei der Oscar-Verleihung dabei gewesen, wo „Das weiße Band“ den Auslands-Oscar gewann. „Das war irgendwie der richtige Abschluss, was den ganzen Wahnsinn mit diesem Film betraf.“ Ein bisschen nervös ist er jetzt schon. Aber er hat so viel zu tun, ein neues Bühnenstück, das er probt, und viele Konzerte mit seiner Band, dass er zum Glück gar nicht dazu kommt, groß darüber nachzudenken.

Bloß keine Rede vorbereiten

Wie bereiten sich die beiden nun auf den Lola-Abend vor? Friedel will seine Schwester mitnehmen. Und seine Nichte. Und ein Amulett seiner Mutter, ein Glücksbringer. Laia Costa hofft, dass ihr Freund aus Spanien anreisen wird. Aber als er hörte, dass er dann womöglich von der Kamera ins Bild gerückt wird, falls sie auf die Bühne muss, hat er gleich abgewiegelt. Friedel will über den Fall des Falles nicht nachdenken, wird dann aber sehr still und ernst. „Ich würde meiner Mutter und meinem Vater danken wollen. Sie sind beide im vergangenen Jahr gestorben, das war sehr schlimm. Sie waren sehr wichtig für mich, sie haben mir das Selbstbewusstsein gegeben, ein Schauspieler und ein Musiker zu sein.“ Er weiß aber nicht, ob er eine Rede vorbereiten soll. Laia Costa rät ihm ab. „Ich hab mit einigen Leuten gesprochen, die schon mal in der Situation waren. Die sagen alle: Wenn du da oben stehst, vergisst du eh alles, was du vorbereitet hast.“ Also auch hier: Sei frei, nur keine Angst. Das ist ein guter Rat, findet Friedel. „Den nehme ich gern an.“

Am Ende verabschieden sich die beiden nicht nur. Sie wünschen sich für den Lola-Abend auch von Herzen Glück. Und den Film des anderen, das nehmen sie sich fest vor, den müssen sie sich nun auch endlich anschauen.