Personalien

„Zielstrebig und behutsam“

Generationswechsel: Michael Müller stellt Matthias Schulz, den neuen Intendanten der Staatsoper, vor

Er überragt alle anderen, die mit ihm ins Glasfoyer des Schiller-Theaters kommen. Matthias Schulz ist ein sportiver Hüne und ein bisschen sieht er aus wie Schauspieler Hugh Grant in jüngeren Jahren. Aber bei allem lächelnden Charme ist Schulz anzumerken, dass er innerlich unter Druck steht. Der derzeitige Chef des Salzburger Mozarteums wurde am Mittwoch vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) als neuer Intendant der Staatsoper Unter den Linden vorgestellt.

Es ist ein großes Amt, das nicht nur Würde, sondern auch eine Bürde verspricht. Denn noch ist die Staatsoper eine von allen Seiten beargwöhnte Riesenbaustelle. Außerdem ist mit Jürgen Flimm noch ein einflussreicher Intendant im Amt, dem es wie alle Theaterpatriarchen nicht leichtfallen wird, loszulassen. Und so wird bei dieser Pressekonferenz mehrfach und vielleicht einmal zu viel betont, wie friedlich und harmonisch diese Übergabe erfolgen wird.

Wechsel ohne Reibungen

Ganz unkompliziert ist die Übergabe nicht: Matthias Schulz kommt bereits am 1. März 2016 an die Staatsoper, die ja noch im Schiller-Theater residiert. Ab 1. September 2017 ist er Co-Intendant von Flimm. Am 3. Oktober soll die teuer sanierte Staatsoper Unter den Linden wieder eröffnet werden. Dann steht Flimm noch im Rampenlicht. Einige Monate später, im April 2018, rückt Schulz zum alleinigen Intendanten auf. Sein Vertrag geht zunächst bis 2022. So lange reicht auch der Vertrag des Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, der Schulz zur Seite sitzt und ihn herzlich begrüßt. Schulz wird jetzt sein vierter Intendant an der Staatsoper sein. Die vorherigen Wechsel verliefen immer mit Reibungen.

Eigens aus Mailand, wo er gerade „Otello“ inszeniert, ist auch Jürgen Flimm für einen Tag angereist. Er sitzt nicht mit vorne bei den Verkündern, sondern in der ersten Reihe unter den Zuhörern. Aber irgendwann hält es ihn nicht mehr auf seinem Platz. Er springt auf und muss etwas erklären und sich zeigen. Demnach gebe es zwischen den beiden Intendanten eine klare Aufteilung. Flimm bereitet alles bis zur Eröffnungssaison 2017/18 vor, sein Nachfolger die folgenden Spielzeiten Unter den Linden. In der Oper sei schließlich ein Vorlauf von drei Jahren üblich. Flimm ließ seinerzeit das Staatsoper-Ensemble per Schiff auf der Spree von Mitte nach Charlottenburg umziehen. „Ich lass mir schon was einfallen“, sagt Schulz auf die Frage, wie er die Rückkehr in die sanierte Lindenoper organisieren will.

„Vor dem Amt habe ich großen Respekt“, sagt der designierte Intendant, „aber keine Angst“. Natürlich fragen sich alle Anwesenden, ob der gebürtige Münchner, Jahrgang 1977, das Format, die nötige Chuzpe für dieses Amt hat. In der Pressekonferenz kann der Pianist und Volkswirt überzeugen. Was in Berlin nicht selbstverständlich ist, manchmal – wie im Fall von Nacho Duato, des Intendanten vom Staatsballett – können erste Präsentationen zum Desaster werden und die Zukunft kontaminieren. Schulz führt bei seinem Einstand in gewisser Weise ein längeres, monologhaftes Bewerbungsgespräch mit den Anwesenden.

Der neue Opernchef hat verschiedenes zu erklären, zum Beispiel, warum er Klavier am Mozarteum studiert hat, aber dann kein Pianist geworden ist. Seine Erklärung ist einfach: Er habe festgestellt, er schaffe das nicht, so gut wie Daniel Barenboim zu werden. Die Antwort gefällt Barenboim, er wird später scherzen, dass die Zusammenarbeit dadurch leichter ist. Und Schulz weiß auch Barenboims Staatskapelle, das Hausorchester, als „ein unglaubliches Orchester“ zu loben. Das Verhältnis von Barenboim und Schulz scheint jedenfalls in Ordnung zu sein.

Schulz hatte seine Karriere bei den Salzburger Festspielen begonnen und war anschließend an der Eröffnung des Konzerthauses Dortmund beteiligt. Das alles adelt ihn aber noch nicht zum Opernintendanten. Das weiß er. Also erzählt er ausführlich über seine Rückkehr zum Opernprojekt „Mozart 22“ bei den Salzburger Festspielen. Für die Staatsoper kündigt er an, dass sich „mit Mozart einiges macht lässt.“ Auftragswerke will er machen und Barockmusik. Außerdem möchte er die Konzerte mehr mit dem Opernprogramm verknüpfen. Als er das sagt, nickt Barenboim. Schulz, selbst vierfacher Vater, spricht von einem Opernkinderorchester und davon, dass er das Kinderstudio stärken möchte. Auch daran ist zu merken, dass er ein vergleichsweise junger Intendant ist.

Neuer Intendantentypus

Schulz wird unter den wichtigen Opernintendanten ein Ausnahmefall sein. Üblicherweise übernehmen namhafte Regisseure die Opernhäuser. Seltener, wie etwa Dietmar Schwarz an der Deutschen Oper, werden Dramaturgen zu Intendanten. Es sind die neuen Intendanten, die sachlich und ohne jede Theatralik im Hintergrund die Fäden ziehen. „Als gelernter Musiker und Volkswirt hat er perfekte Voraussetzungen für seinen neuen Beruf“, sagt Schwarz am Mittwoch: „Und mit seinen Salzburger Erfahrungen, sowohl bei den Festspielen als auch am Mozarteum, dürfte er für unser Gewerbe bestens gerüstet sein.“ Die Mischung Pianist/Manager bleibt einmalig. Er selber werde nicht inszenieren, versichert Schulz am Mittwoch: „Das werde ich niemandem antun.“ Und ein bisschen scheint er mit dem Regietheater zu fremdeln. Namen großer Regisseure nennt er keinen. Er wolle auch nichts neu erfinden, sagt er, „sondern auf bewährte Kräfte zurückgreifen“. Natürlich ständen Mozart, Strauss und Wagner im Mittelpunkt. Schulz ist bestens mit dem Kulturmanagervokabular vertraut. Er spricht von Internationalität und Qualität, von Corporate Identity und Fundraising.

Michael Müller betont, dass man „zielstrebig und behutsam einen Generationswechsel einleitet“. Die Staatsoper reiht sich damit ein in die Neubesetzung von Oliver Reese als Nachfolger von Claus Peymann am Berliner Ensemble und Chris Dercon für Frank Castorf an der Volksbühne. Auf die Nachfrage an den Regierenden Bürgermeister, ob sich ein Generationswechsel nicht auf das ganze Opernhaus beziehen müsste, greift der damit gemeinte Daniel Barenboim, 73, selbst zum Mikrofon. Ohne einen Generationswechsel, sagt er, käme es zu Degenerationen. „Es ist meine Hoffnung, dass Herr Schulz meinen Nachfolger findet – und nicht Herr Flimm, der nur noch drei Jahre bleibt.“