Klassik-Kritik

Der russische Pianist Arcadi Volodos verabschiedet sich

Solch ein Pianissimo kann sonst kaum einer: Ein Pianissimo, das aus fernen paradiesischen Sphären zu leuchten scheint.

Es stammt von Arcadi Volodos, der einmal sagte, dass das Publikum die beste Jury sei, weil man schließlich anders spiele, als wenn man alleine auf der Bühne sei. Allerdings, so schränkte er ein, gebe es „Werke, die das Publikum nie verstehen wird“.

Nun also tritt der russische Pianist im Konzerthaus auf. Es ist ein leiser Abschied. Als „Artist in Residence“ hatte er sich eine Saison lang in zahlreichen Konzerten präsentiert, neues Repertoire ausprobiert, war in Kammermusik-Projekte involviert, zeigte sich Seite an Seite mit dem Konzerthausorchester. Auch Volodos letzter Klavierabend steht ganz im Zeichen sorgsam geplanter Repertoire-Erweiterung. Beethoven und Brahms sollen in der ersten Konzerthälfte erklingen. Zwei Komponisten, die für Volodos eher untypisch sind. Umso größer die Publikumsenttäuschung, als dann doch nicht Beethovens „Sturmsonate“ op. 31 Nr. 2 den Anfang macht. Volodos ersetzt das Werk spontan durch Brahms’ Thema und Variationen in d-Moll op. 18b. Er sinkt in wunderlich impressionistische Klangwelten. Er betet und meditiert, führt freimütige Monologe, hüllt sein Publikum in wohlige Pedalwolken.

Tempo und Dynamik

Es ist ein subjektiver Brahms, wie man ihn wohl nur von Volodos zu hören bekommen wird. Eine Interpretation, die Raum- und Zeitgefühl revolutioniert, auf Klang statt auf Strukturen setzt, auf schnörkelhafte Sinnlichkeit statt auf spannungsgeladene Dramatik. Volodos lässt die Klavierstücke op. 118 körperlos dahinschweben, verwandelt sie in magisch flüsternde Spätwerke. Benommen wankt das Publikum in die Pause.

Über jeden Zweifel erhaben danach: Volodos’ intime Gestaltungskünste in Schuberts großer B-Dur-Sonate D 960. Auch hier dehnt der 43-jährige Russe Tempo und Dynamik in abenteuerliche, ja himmlische Dimensionen. Doch Schuberts flächige B-Dur-Sonate hält das aus, sie scheint sogar wie geschaffen für Volodos’ mystische Pianissimi, für seine unendlich feinen Melodiebögen, für die elegischen Zeitlupen-Tempi des zweiten Satzes.

Immerhin vier Zugaben folgen. Zuerst noch einmal Schubert, kurioserweise eines der frühesten Werke des Wiener Komponisten überhaupt: das jugendliche cis-Moll-Menuett D 600, von Volodos in ätherischen Trauerflor gekleidet. Mit Mompous „Jeunes Filles au jardin“ und „El lago“ macht der Russe bereits Werbung für seinen wirklich allerletzten Auftritt in dieser Konzerthaus-Saison – das wird das Late-Night-Konzert am morgigen Freitag mit Werken von Mompoum sein. Und Volodos’ Supervirtuosität, die er im offiziellen Programm gar nicht brauchte? Kurz aber heftig lässt er sie in De Fallas Spanischem Tanz Nr. 1 aus „La Vida Breve“ aufblitzen.