Bühne

Gänsehaut und Weißwein auf der Titanic

Der alte Kino-Hit wird wiederbelebt – mit einem Live-Orchester in der O2 World in Berlin

Am Bug findet Rebel Boy sein Rebel Girl. Sie trägt ein rotes Kleid, sie klettert über die Reling. Sie sagt, immer die gleichen Bälle, Partys, immer die gleichen, nichtssagenden Gespräche, sie sagt, sie kann das nicht mehr, da sei diese Leere, die sich in ihrem Leben ausbreitet. Er reicht ihr die Hand, guckt von unten nach oben auf, spitzbübisch, niemals alt, sagt er, spring nicht vom Schiff, verlasse die Gesellschaft nicht. Denn das Wasser da draußen, ist kalt, sehr kalt. Sie hört auf ihn, taumelt aber, er hält sie, zieht sie, sie fallen, aufeinander.

Sie sagt, er sei verrückt, sie verlobt, und das ginge alles nicht, aber es dauert nicht lang, dann stehen die, die erwachsen sein sollten, wieder an der Reling. Jetzt ist es Tag, Sonnenschein, und sie sind Babys. Sie spucken, rotzend, gurgelnd, Nase hochziehend. Er sagt, das Leben dürfe man nicht verschleudern. „Make it count.“ Und sie nickt, trifft sich mit ihm an der Uhr, an der Treppe, lässt die drittklassigen Gespräche der ersten Klasse hinter sich, um unter Deck, mit den Iren zu steppen. Bier statt Champagner. Er tanzt mit Kindern – im Kreis, im Kreis – sie zieht die Schuhe aus, lacht, stellt sich auf die Zehenspitzen, ganz oben drauf, wie eine Ballerina, schreit vor Schmerz, trinkt einen Kurzen.

Vor den bewegten Bildern, im Halbdunkel, steht ein Orchester, das Tschechische Nationale Symphonieorchester. Begleitet von Dudelsäcken spielen sie die Musik zu dieser Szene, Gefiedel, Gefiedel, es ist so nah, so laut, der Film muss mit Untertiteln laufen. Das Publikum klatscht, aber es ärgert sich auch, man hätte mittanzen müssen, ohne Schuhe, betrunken, aber alle sind hier erwachsen. Es riecht nicht nach Bier, es riecht nach Weißwein, dezent, aufstehen, tanzen, das macht natürlich niemand. „Titanic live“ heißt die Veranstaltung, bei der mehrere tausend Menschen in der O2 World einen Film noch mal sehen, den sie zuletzt vor 17 Jahren sahen. Und man erschreckt, die Bilder am Heck, „Jack, ich fliege“, wie sie, das Paar, in einem violett-pinken Himmel fahren. Sich umarmen, küssen, genau diese beiden Gesichter, dass das noch ein Film ist: Es wirkt so klassisch, so kitschig, so abgegriffen, so tausendmal gesehen, dass es fast schon schockiert. Es ist vielleicht wie „Ich liebe dich“ zu singen, eigentlich das Natürlichste, das Schönste der Welt, aber man hat es einfach zu oft gesehen, gehört, es geht fast nicht mehr. Man kann damit nicht mehr umgehen. Manch einer im Publikum lacht. Unbeholfen.

Dabei ist dieser Film, nach all den Jahren, dieses Carpe Diem auf einem sinkenden Schiff, diese Parabel aufs Leben insgesamt, auch heute noch ein fantastischer Film. Durch die Live-Musik rücken die so oft gesehenen Bilder wieder näher an einen heran. Man bekommt Gänsehaut, wenn die Sopranistin Clara Sanabras, auch sie trägt ein rotes Kleid, vor dem 24 Meter breiten Bild diesen berühmten, Oscar prämierten, wortlosen Gesang vorträgt.

Man ist völlig still, stumm und wieder gespannt, wenn der Dirigent Justin Freer mit seinen Schlagfiguren zwölf Minuten lang den Untergang orchestriert. Schlag. Die Kammern laufen voll. Und man ist ergriffen, wenn die Violinenmusik der Band, das letzte Lied, „Auld Lang Syne“, tatsächlich hier, direkt wenige Meter vor einem spielt, live. Und kurz danach, das Bild ist blaustichig, ist alles still. Nur noch Atem bläst durch die O2 World, Echo, langsamer, immer langsamer werdender Atem. „Jack, das ist ein Boot“, sagt Rose auf dieser Tür im Nordatlantik. Jack versinkt ins Eiswasser. Das letzte Bild des Films ist weiß.