Literatur

Auf dem Lesesofa mit Tom Tykwer

Elias Canetti & Co.: Der Regisseur stellt seine Lieblingsbücher vor

Solche Traumkonstellationen gibt’s sonst nur im Kino. Da ist ein engagierter kleiner Buchladen, der regelmäßig eine Veranstaltung wuchtet, bei der ein Prominenter seine Lieblingsbücher vorstellt. Das funktioniert mal gut und mal weniger, je nach Publikum und Temperament des Bühnengastes. Der Dienstagabend erwies sich da als ein Glücksfall. Die Buchhandlung Uslar & Rai an der Schönhauser Allee hatte den Berliner Filmemacher Tom Tykwer eingeladen, der gerade zur aktuellen Netflix-Serie „Sense8“ über weltweit verbandelte Schicksale die Szenen in Berlin und Nairobi beigesteuert hat und zuvor mit Adaptionen von „Das Parfum“ bis „Wolkenatlas“ sein Faible für internationale Literaturverfilmungen bewiesen hat.

Nun sitzt er auf dem Ledersofa des Podiums, die Haare jugendlich verstrubbelt wie eh und je, nur zum Lesen braucht der 50-Jährige inzwischen eine Brille. Neben sich hat er einen ganzen Stapel Bücher, sechs insgesamt, aber statt daraus vorzulesen, erzählt er erst einmal. Die Auswahl sei ihm schwer gefallen, das finde er bei Filmen schon nicht leicht, und „was uns geprägt hat, ist ja nicht immer das, was uns heute noch gefällt“, sagt er und schiebt grinsend hinterher: „Aber das wollen wir nicht wahrhaben, wir halten es noch immer für ein Meisterwerk, auch wenn wir schon seit 20 Jahren nicht mehr reingeschaut haben.“ Seine Auswahl sei rein biografisch motiviert, also Bücher, die ihn wirklich beeinflusst hätten, und keine Schlaumeierei.

Ein wirkliches Schmuddelbuch freilich findet sich dann doch nicht darunter. Um Zeit geht es in allen, und wie man damit umgeht, als Erzähler und im Leben. Er liest die ersten Seiten aus Gustave Flauberts Klassiker „Die Erziehung des Herzens“, in denen er schon in wenigen Zeilen die Charakterzüge des Protagonisten angelegt sieht. „Da ist man von Anfang an mittendrin!“ Immer wieder unterbricht er die Lesung und erklärt, was ihn so begeistert. Der absurde Humor in Samuel Becketts „Watt“, aus dessen sympathisch zerschlissener Taschenbuchausgabe Tykwer danach vorliest, sorgt in der voll besetzten Buchhandlung immer wieder für Lacher.

Offensichtlich ist auf den ersten Blick keines der Bücher, die er an diesem Abend vorstellt. Weder Elias Canettis „Die Blendung“ und schon gar nicht Peter Høegs „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“, aber Tykwer hat zu jedem Band kluge und persönliche Dinge zu sagen. Er vergleicht Romane mit den neuen Serien mit ihren Handlungssträngen über Staffeln hinweg und erzählt begeistert davon, wie er gerade die Berlin-Krimis von Volker Kutscher adaptiert. „Ein Spielfilm ist dagegen allenfalls eine Novelle.“

Zum Abschluss liest er dann noch aus einem der Romane, die er verfilmt hat, David Mitchells „Der Wolkenatlas“, und Tykwer beschreibt, wie sehr ihn der auf mehreren Zeitebenen erzählte „Schmöker“ gefesselt hat, lange bevor er mit der Adaption beauftragt wurde, die er als „Höchststrafe“ empfand. Und erst ganz am Ende des Abends, als nach zwei Stunden der letzte Satz gelesen, das letzte Wort gesagt ist, greift er zum ersten Mal zum Wasserglas. Man hätte ihm noch ewig weiter so zuhören mögen.