Ausstellung

Seht her, was er konnte

Das Literaturhaus zeigt Bilder des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf

Im Katalog zu dieser Ausstellung steht eine kleine Geschichte, erzählt von Oliver Maria Schmitt. Sie geht so: „Anfang 1995 war ich gerade frischgebackener ‚Titanic‘-Chefredakteur, da zitierte mich Layoutchef Tom Hintner in seinen Maschinenraum, er müsse mir da mal was zeigen. Da sei eine Mappe von einem Nürnberger Kunststudenten eingetroffen, sehr schöne Sachen, aber er wisse nicht genau, was er damit anfangen solle. Die große, grüne Mappe von einem gewissen Wolfgang Herrndorf war überreich und übervoll mit den verschiedensten Arbeiten, Comics, Cartoons, Illustrationen, Studien, Scribbles – viel mehr, als man normalerweise bei einer Zeitschrift einreichen würde. Die über allem schwebende Mitteilung der Mappe: ,Seht her, was ich kann’.“

Heute, mehr als 20 Jahre danach, muss man den letzten Satz in eine traurige Vergangenheitsform überführen: Seht her, was er konnte. Denn Wolfgang Herrndorf, der vor allem als Schriftsteller bekannt wurde, der für seine Romane mit Auflagenrekorden und Literaturpreisen belohnt wurde, litt an einer bösartigen, unheilbaren Form von Krebs und nahm sich im Sommer 2013 am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin das Leben.

In einem einzigartigen Schaffensrausch hatte er in der Zeit nach der Diagnose seine beiden Bücher vollendet: Da war „Tschick“ mit der Geschichte zweier jugendlicher Ausreißer und „Sand“, ein so düsterer wie brutaler, rätselhaft verschachtelter Agentenroman. Wer die Herzenswärme von „Tschick“ mit dem klaftertiefen Nihilismus von „Sand“ verglich, der wollte nicht recht glauben, dass beide Romane vom selben Autor stammen könnten. Die Tonlage, der Stil, das Welt- und Menschenbild: Das war alles auf seine Weise stimmig und mitreißend, lag aber doch gefühlte Ewigkeiten auseinander.

Wolfgang Herrndorf war ein Vielseitigkeitskünstler. Er zeigte schon im Medium der Sprache eine Bandbreite, die einem oft den Atem verschlug. Die Melodien der Romantik beherrschte er genauso gut wie den Kneipensound der Pulp-Fiction, seine Dialoge lasen sich so verblüffend echt und ausdrucksstark wie seine Landschaftsbeschreibungen.

Die Malerei hatte Herrndorf da längst ad acta gelegt. Mit dem Beginn seiner Arbeit als Schriftsteller nahm er Stifte oder Pinsel nur noch in Ausnahmefällen in die Hand, seine Bilder von früher begleiteten ihn nur noch wie flüchtige Bekannte. Am 12. Juni 2012 notierte er in seinem Blog „Arbeit und Struktur“: „Mit den letzten Umzugskartons Zeichnungen und Bilder eingetroffen, die Ölbilder fast alle beschädigt von vielen anderen Umzügen und jahrelanger unsachgemäßer Lieferung. Dellen, dicke mit Firnis unauflösbar verbundene Dreck- und Staubschichten. Würde am liebsten alles wegschmeißen. C. dagegen. Während C. badet, stehe ich am Waschbecken und versuche, wenigstens eines der Selbstporträts zu retten, schreiend. Ich tobe, ich beruhige mich, dann tobe ich wieder, angetrieben und aufgedreht von der immer wieder sofort in Motorik übersetzten Erkenntnis, dass alle in diese Bilder und Zeichnungen gesteckte Energie, dass zehn oder fünfzehn Jahre einsamer Arbeit sinnlos waren. Und dass noch einmal genauso viele Jahre, die ich seitdem – mit vielleicht etwas mehr Erfolg – ins Schreiben investiert habe, am Ende genauso sinnlos gewesen sein werden.“

Herrndorf vernichtete einen Großteil seiner Bilder, indem er sie in der Badewanne einweichte. Das Foto, das er von der mit aufgeweichtem Papier überfüllten Wanne in seinem Blog postete, war ein Schock für alle, die sein Talent kannten und dessen Zeugnisse seit Jahren schätzten: seine Karikaturen, seine Aquarelle, seine vom großen Jan Vermeer inspirierten Gemälde.

Was Herrndorfs Vernichtungsfuror übrig ließ, ist nun in den Räumen des Literaturhauses an der Fasanenstraße zu sehen. Und die Vielseitigkeit seiner Begabung ist es auch hier, die am meisten für ihn einnimmt: die Lichtstimmung der alten Meister, die sparsam hingekritzelte Witzzeichnung im Stil der Neuen Frankfurter Schule, das kirchliche Pathos mittelalterlicher Votivtafeln: Das alles stand Herrndorf zu Verfügung, und er verband es mit einem Humor, ohne den sein ganzes Werk, auch das literarische, eigentlich gar nicht zu verstehen ist.

Mit den Bildnissen Helmut Kohls, die Herrndorf für das Satiremagazin „Titanic“ malte, kommt noch einmal jene weit entfernte Zeit in Erinnerung, als die Kanzlerschaft Kohls sich ins Unendliche zu dehnen schien. Seine Landschaftsbilder – Kornfelder unter blauem Himmel, ein fast fotorealistisches Birkenwäldchen, eine arktische Meereslandschaft – kommen nie ohne eine Hintertür ins Ironische aus, ohne eine Pointe, die hinter die merkwürdige Erhabenheit der Natur ein Fragezeichen setzt.

Eine Allee mit verlorenen Bäumen im Mondlicht, die auch das Cover seines posthum erschienenen Romanfragments „Isa“ ziert, versah Herrndorf mit dem lakonischen Kommentar: „Macht einem manchmal Angst: die Natur.“ Eine stilistische Imitation der Cartoons des US-Zeichners Gary Larson zeigt ein paar Kühe, die sich auf einen Klingelstreich vorbereiten. Die Bildunterschrift: „Kühe beim Nachstellen eines Gary-Larson-Witzes.“

Es sind Momente leuchtenden Witzes, die man in dieser Ausstellung erleben kann, doch grundiert werden sie von der Traurigkeit darüber, dass man es Herrndorf nicht mehr sagen kann: dass nichts sinnlos war an seiner Arbeit. Weil sie Freude macht.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23. Di.–Fr. 14–19 Uhr, Sa./So. 11–19 Uhr. Noch bis zum 16. August.