Neue Töne

Der gesamte Jazz in 170 Minuten

Sebastian Zabel über seine Alben des Monats

Es geschieht nicht eben häufig, dass uns Musik erreicht, die sofort elektrisiert und in dem aufregenden Gefühl baden lässt, es mit etwas wirklich Neuem, Großem, Außergewöhnlichem zu tun zu haben. Wobei die Musik, um die es hier geht, neu und vertraut zugleich ist.

Kamasi Washington ist ein Tenorsaxofonist aus Los Angeles, der Jazz-Fans einigermaßen vertraut, aber Menschen, die sich nicht intensiv mit Jazz beschäftigen, eher unbekannt sein dürfte. Nun hat sich der Lehrersohn, der in dem berüchtigten Stadtviertel South Central aufwuchs, dreißig Tage lang mit großem Ensemble und noch viel mehr Gastmusikern getroffen, um ein dreistündiges Werk (das tollerweise tatsächlich nicht nur als CD und Download sondern auch als Triple-Vinyl veröffentlicht wird) einzuspielen, das den programmatischen Titel „The Epic“ trägt. Und nichts Geringeres ist das überwältigende Album auch.

Washington hat praktisch den gesamten Jazz in diese rund 170 Minuten gepackt. Von Duke Ellington über Charles Mingus bis Archie Shepp und McCoy Tyner, viel Coltrane natürlich, viel Pharoah Sanders. Der ekstatisch-melodische Stil des Letzteren brandet gleich im ersten Stück des Albums, „Change Of The Guard“ auf, begleitet von einem 20-köpfigen Chor, der wehmütige Lalalas beisteuert, wie man sie sonst eher bei einem „Raumschiff Enterprise“-Soundtrack vermuten würde, und im Weltall scheint dieser natürlich auch nicht zufällig an den Anfang gesetzte, kraftvoll elegante Track schließlich zu verhallen. Das klingt unfassbar souverän und frisch und eben nicht wie eine Pastiche verschiedener Stile und Epochen, sondern wie gerade jetzt erfunden. Oder das mit Debussy spielende „Clair de Lune“. Die gefällig-melancholischen Klavierläufe zu Beginn können niemanden auf das Folgende vorbereiten, wenn sich Washingtons Ensemble in immer gewagtere Sphären schwingt, sich regelrecht freiklimpert, wenn sanfte und entschieden schräge Cello-Glissandi, eine seltsam leise im Hintergrund wimmernde Hammondorgel und der große Chor am Ende in einem angesäuselten Stolperrhythmus zusammenfließen.

So viel zum Ausnahmemusiker Kamasi Washington. Wenn Sie auch nur eine Jazz-Platte in diesem Jahr hören, dann sollte es diese sein. Und wenn Sie ein bisschen Angst vor dem freien Spiel der musikalischen Kräfte haben, dann beginnen Sie mit dem vergleichsweise unscheinbaren und konventionellen Stück „Isabella“, das Sie mit gestreichelten Drums, gestopfter Trompete, schläfriger Orgel und dem Zurren einer Kontrabasssaite ganz sachte auf das vorbereitet, was Sie in den weiteren gut 160 Minuten hören werden.

So machten es auch die wenigen Radiosender, die zum Tode des Altsaxofonisten Ornette Coleman vergangenen Donnerstag ausschließlich frühe Stücke von ihm spielten. Das kann jedoch nur unzulänglich auf die Musik vorbereiten, die Coleman Ende der 50er-Jahre aufnahm und die in dem „Free Jazz“ betitelten Album mündete, das Musikgeschichte schrieb, weil es genau das tat: Es befreite den Jazz von allen Konventionen. Ein Visionär, ein Revolutionär, dessen Musik heute nicht weniger verstörend klingt als 1960.

Kamasi Washington hat natürlich auch Coleman inhaliert, und Spuren dessen Musik finden sich auf „The Epic“, und sei es, dass eine Drumline für Sekunden an Ronald Shannon Jackson, Colemans funky Drummer der späten Jahre, erinnert. Ein Kosmos, diese Platte. Und, klar, ein Meisterwerk.