Bühne

Großmeister des Wir-Gefühls

Open-Air-Konzerte mit Herbert Grönemeyer in der Waldbühne sind wie große Familientreffen

Tief im Westen versinkt die Sonne über der Waldbühne. Und während sie noch die letzten Reihen des oberen Rangs streift, beginnt es auf der Bühne zu knarzen, zu rumoren, zu blubbern. Es ist 20.15 Uhr. Die Band spielt noch ihr Intro zum Song „Unter Tage“, da ist diese knödelig-raue Stimme bereits zu hören. Und als Herbert Grönemeyer schließlich in legerem schwarzen Anzug und blitzweißen Turnschuhen an die Rampe tänzelt, hat er die Waldbühne längst auf seiner Seite.

Grönemeyer liebt Berlin

Er ist der Großmeister des Wir-Gefühls. Er dirigiert die Massen mit lässigen Gesten und Gebärden. In unegaler Eleganz stakst er übers Areal und über einen Laufsteg, der bis ins Auditorium ragt. Ein Open-Air-Konzert mit Herbert Grönemeyer ist Familientreffen und Schamanenritual gleichermaßen. Bei seinem lange im Voraus ausverkauften Gastspiel in der Waldbühne, die immerhin 22.000 Besuchern Platz bietet, wird die wogende Masse Mensch an diesem sommerlichen Freitagabend zu einer euphorisierten Gemeinschaft, die dem Sänger unter der weißen Zeltkonstruktion hingebungsvoll huldigt.

„Ob ich Dich mag hat hier kein Gewicht, wichtig ist, du ziehst mich ans Licht“, bellt er kantig in „Unter Tage“. Und: „In der Not sicher und gefasst, Hauptsache ist, auf dich ist Verlass.“ Schon klar, dass er zumindest an diesem Abend einzig und allein sein Publikum meint. Das hatte sich zuvor schon mal mit imposantem La-Ola-Einsatz eingestimmt. Grönemeyer liebt Berlin und Berlin liebt Grönemeyer. Im Mai hatte er bereits in der O2 World für volles Haus gesorgt, am 21. Juni wird er erneut in der dann wieder prallvollen Waldbühne auftreten.

Das sah bei seinem allerersten Berlin-Konzert noch ganz anders aus. 1982 war das, im legendären Berliner Musikladen Quartier Latin, dem heutigen Wintergarten-Varieté. Das Album „Total egal“ war gerade erschienen. Und gerade mal 16 zahlende Zuschauer. Doch wer dabei war, ganz vorn in der ersten Reihe, der wusste, dass für diesen nervösen Typen im Trenchcoat und mit waghalsiger Frisur Rockclubs wie das Quartier Latin bald zu klein sein würden. Heute scheint sogar die Waldbühne zu klein zu sein.

Das Programm dieser „Dauernd jetzt“-Tournee ist gesetzt. Neue Stücke, die ihm am Herzen liegen, hat er gleich an den Anfang des Konzerts gepackt. Wie „Wunderbare Leere“ oder „Fang mich an“, das er, so kokettiert er, nur geschrieben habe, „weil ich so schön tanzen kann. Man nennt mich auch den Baryshnikov von Bochum“. Kommt seine Musik auf Platten eher grüblerisch und ein wenig sperrig daher, entwickelt sie im Konzert ein überraschend poppiges Eigenleben.

Ein Großteil der Songs scheint nämlich nicht gerade für Open-Air-Arenen gemacht, die schon ob ihrer Größe ausgelassenes Johlen, Klatschen und Mitsingen einfordern. Doch Grönemeyer schafft es tatsächlich, seine anspruchsvollen Lieder mit einer Druck machenden Sieben-Mann-Band für eben solche Massenevents kompatibel zu machen. Und es wird gejohlt, geklatscht und mitgesungen. Besonders natürlich bei den Hits, und es gibt sie nahezu alle. Schon früh am Abend, es ist das sechste Lied, stimmt er mit „Glück auf, Glück auf!“ kurz das „Steigerlied“ an, die Hymne der Bergleute aus dem Pott. Selbst hier beweist das Publikum Textsicherheit. Und die Fans wissen längst, was jetzt kommt. „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …“ röhrt Grönemeyer ins Mikrophon.

Mit „Bochum“ gibt er den bestens aufgelegten Kumpel und kann auf stimmstarke Unterstützung zählen. Es gibt „Schiffsverkehr“ und „Was soll das“, „Flugzeuge im Bauch“ und „Musik, nur wenn sie laut ist“, „Mensch“, „Alkohol“ und „Bleibt alles anders“ – das volle Programm.

Das Bühnenbild ist imposant und ambitioniert. Gleißend weiße Lichtsäulen schießen aus dem Bühnenhimmel. Eine Breitwand-LED-Installation erstreckt sich über die ganze Bühnenbreite im Hintergrund. Drei gigantische bewegliche LED-Quadrate hängen über den Musikern, illuminieren die Songs mal in blauem, mal in rotem Licht, lassen sich auch für Videoeinspielungen von grafischen Formen oder Grönemeyer in Großaufnahme nutzen.

Auch der Sound ist brillant, man versteht fast jedes Wort, wenn man mit Grönemeyers abgehackter Phrasierung vertraut ist. Denn keiner vernuschelt Texte so schön wie er. Er geht mit Worten um wie ein Jazzmusiker mit dem Saxophon, er spuckt sie aus, dehnt sie, knetet sie und erschafft einen Sound, der die Stimme zu einem eigenen Instrument werden lässt.

Lauter leuchtende Smartphones

Grönemeyer gibt den plauderfreudigen Animateur, der sich auch mal für Handyfotos in Pose stellt, obwohl er die allgegenwärtige Smartphone-Manie gerade noch in seinem Lied „Uniform“ gegeißelt hat. „Wer hat denn schon nach Hause geschrieben, wo er gerade ist?“ fragt er. Und sagt: „Ich glaube nicht, dass der Mensch digitalisierbar ist.“ Der Mann versprüht eine geradezu beängstigende Spaßlaune. Bei „Mensch“ stachelt er zu B-B-B-Berlin-Sprechchören an. Und bei der Ballade „Morgen“ ersetzen Tausende leuchtende Smartphones das Feuerzeug-Lichtermeer von einst.

Doch ab und an wird die Partylaune gebrochen mit bewegenden Balladen wie „Der Weg“, bei der manch eine Besucherin verstohlen eine Träne aus dem Auge wischt. Da sitzt Grönemeyer am Klavier auf dem Laufsteg und es wird für einen Moment ganz still im Publikum. „Flugzeuge im Bauch“ spielt er in einer neuen, dezenten Barjazz-Version mit Kontrabass im Rücken. Auch wenn seine Texte mitunter recht kryptisch und verquast herüberkommen, der 59-Jährige versteht es, Gefühle, Trauer und Verlust eindringlich in klare Worte zu fassen.

Grönemeyer und Band beweisen Ausdauer. Zweieinhalb Stunden stehen sie im Rampenlicht, verstehen sich auf laute wie auf leise Töne, baden im Jubel und kommen gleich dreimal für zahlreiche Zugaben auf Bühne und Laufsteg zurück. Da haben sich bereits viele auf den Heimweg gemacht. Und so wunderschöne Dreingaben wie „Land unter“ mit Akkordeonbegleitung oder die knisternde Ballade „Halt mich“ verpasst. Als Rausschmeißer gibt es noch einmal „Fang mich an“, diesmal in einer peppigen Dancefloor-Version. Ein großer Abend.