Musiktheater

Roboter statt Affe: Stockhausens „Originale“ mal anders

Eine Dame in giftgrünem Schlauchkleid und buntem Plastikfeder-Häuptlingsschmuck robbt wie eine Raupe über den Boden.

Eine Puppenspielerin unterhält sich mit ihrer Handpuppe darüber, wer von ihnen tatsächlich auf der Bühne steht, ein kniehoher Roboter verbeugt sich vor dem Publikumspodium, das mitten im Raum steht. Die Schauspielerin Irm Hermann kiekst mit großem Ernst Töne vor sich hin, ein tätowierter Drehorgelspieler dreht die Kurbel seines Instruments. „Und jetzt: Auftritt Band“, ruft der Regisseur Georg Schütky.

31 Akteure proben für die Eröffnung am 13. Juni von „Infektion!“, des musikalischen Theaters „Originale“ von Karlheinz Stockhausen. Das Festival für Neues Musiktheater im Schiller-Theater widmet sich in diesem Jahr der Kunstgattung Fluxus. Deren Gründer, zu denen John Cage, Joseph Beuys und Yoko Ono zählen, hatten verlangt, das Kunstwerk im herkömmlichen Sinne als bürgerlichen Fetisch abzulehnen und sich stärker der schöpferischen Idee zu widmen. Stockhausens Komposition hatte die Fluxus-Bewegung 1961 ausgelöst und 1964 in New York auch wieder beendet, sagt Roman Seeger, Dramaturg von „Infektion!“. Die Uraufführung im kleinen Theater am Dom zu Köln war ein Skandal, denn nie zuvor hatte jemand Alltäglichkeiten und Nicht-Kunst wie einen Zeitungsverkäufer und einen Affen gemeinsam mit Schauspielern auf die Bühne gebracht, die nur noch Fragmente „unantastbarer“ Dramen rezitierten.

In der Werkstatt der Staatsoper ist die „Originale“ zugrunde liegende Stockhausen-Komposition „Kontakte“ in einer Fassung für Klavier und Schlagzeug zu hören, die live gespielt, aufgenommen und später im Stück elektroakustisch bearbeitet collagiert. Der Schauspieler Günter Schanzmann war zur Zeit der Uraufführung in Köln. Er vergleicht den Willen, das Theater komplett zu verändern mit René Polleschs ersten Arbeiten an der Berliner Volksbühne. Irm Hermann ergänzt: „Ich denke eher an Schlingensief. Aber das Tolle ist hier die Einbindung von spontanen Aktionen in ein strenges musikalisches Konzept. Ich finde das wunderbar aktuell.“

Performance bedeute ja eigentlich etwas ganz Freies, sagt Georg Schütky, der sich als Regisseur auf der Bühne selbst spielt, also auch in die Aufführung eingreifen wird. Stockhausen habe wie kein anderer geschafft, den Akteuren ihre Freiheit ganz zu lassen. „Es wird nicht abgeprüft, was einer kann. Im Idealfall beobachten wir schlicht Begegnungen von Menschen.“ Der Affe aus der Uraufführung wird ersetzt durch „Grace“, der amtierenden Weltmeisterin im Roboterfußball. Über 50 Jahre nach der Uraufführung findet Schütky die Begegnung Mensch – Maschine spannender als die Vorführung eines Tiers. Und anstelle des verstorbenen Aktionsmusikers Nam June Paik kommt die Band Antinational Embassy dazu, die sich in Kreuzberg für die Rechte von Flüchtlingen formiert hat. Es gehe aber nicht um Politik oder einen Pressegag. „Infektion!“ stellt in der Eröffnungsinszenierung auch keine sogenannten „sozialen Randfiguren“ zur Schau. In exakt 94 von Stockhausen auskomponierten Minuten sind die Berliner Originale ganz sie selbst.