Kino

Panik im Vergnügungspark

Die Dinosaurier waren ja nie richtig weg: „Jurassic World“ ist ein raffiniert gemachter Unterhaltungsfilm

Es ist ein Déjà-Vu. Das Gefährt hat diesmal ein spacigeres Design, fast ganz aus Glas, so dass man in alle Richtungen schauen kann. Und diesmal sitzen auch keine Erwachsenen mit drin, sondern zwei Jungen, ein Geschwisterpaar, das durch den Park und seine Attraktionen fahren. Bis dann das Monster kommt, den Wagen auf den Kopf wirft, sein berühmtes böses gelbes Auge ganz dicht an die vor Angst schlotternden Kinder rückt und dabei einen grässlichen Schrei ausstößt. Willkommen zurück im Jurassic Park.

2015 ist das Jahr der Kino-Comebacks. Mad Max hatten wir schon, Terminator kommt als nächstes und „Star Wars“ zu Weihnachten. Jetzt aber, gut 22 Jahre nach dem ersten Teil, steht wieder Dino-Kino an. Steven Spielbergs „Jurassic Park“ hat 1992 eine nie geahnte, weltweite Dino-Manie ausgelöst, Teil Zwei „Vergessene Welt“ war nur noch ein Abklatsch und Teil Drei, in dem Spielberg die Regie an „Jumanji“-Regisseur Jon Johnston abtrat, das schwächste Werk der Reihe. Mit dem Tod des „Jurassic Park“-Erfinders Michael Crichton 2008 schien dann auch die Reihe gänzlich gestorben. Nun aber meldet sie sich mit „Jurassic World“ mit Macht zurück.

Für den Neustart haben sich Spielberg, der wie immer als Produzent beteiligt ist, und der bislang reichlich unbekannte Regisseur und Mitautor Colin Trevorrow zwei einfache, aber wirkungsvolle Kniffe überlegt. Der erste Dreh: Der Park ist endlich in Betrieb. Das war ja bislang nur der Traum des großväterlich-lieben Richard Attenborough aus Teil Eins, der sich schnell als Albtraum erwies. Auch Teil Zwei und Drei kamen nie über die Testphase hinaus.

Streichelzoo mit Mini-Dinos

Nun aber ist die Isla Nublar wirklich in Betrieb, eine Riesenanlage mit Tourfahrten, Erlebnisstationen und Luxushotel, was nicht von ungefähr an Disneyland erinnert. Der Park bietet Raum für über 20.000 Gäste. Die können dann bei einer Jeep-Safari Fotos von friedlich weidenden Brontosauriern machen, mit Kanus durch Flüsse voller Echsen paddeln. Für die ganz Kleinen gibt es sogar Streichelzoos mit Mini-Dinos, für die Größeren ein Bassin mit einem Hainosaurus, das an Walfisch-Shows erinnert. 20.000 Gäste: Das heißt aber auch, dass es, wenn die Hölle erst mal losbricht, und das tut sie erwartungsgemäß, diesmal zu einer Massenpanik kommt, gegen die die paar Betroffenen der ersten Teile ein Klacks sind. Der zweite, fast noch raffinierte Dreh aber ist der, dass es hier nicht mehr nur darum geht, die pantäologische Knochenarbeit mit echtem Fleisch zu füllen, ergo ausgestorbene Dickhäuter wieder zum Leben zu erwecken.

Der Park, so erfahren wir einmal, ist schon seit gut zehn Jahren in Betrieb. Und läuft, nachdem die erste Neugier verflogen ist, nicht mehr ganz so gut. Also versucht man es mit neuen Anreizen. Die Raptoren, von denen wir gelernt haben, dass sie die Schlimmsten sind, werden hier wie Zirkusvieh dressiert. Vor allem aber hecken die ehrgeizigen Wissenschaftler in ihren weißen Kitteln still und heimlich eine Spezies aus, die es nie gegeben hat, die aber „größer und lauter“ ist als jede zuvor. Weil die Kunden, so das zynische Kalkül, das halt so wollen. Die gute Nachricht also an alle erwachsenen Kinozuschauer: Man muss sich nicht mehr von seinen naseweisen Kindern auf dem Nebensitz belehren lassen, welche Riesenechse da gerade durchs Bild stapft. Das Über-Monster von Teil Vier trägt den Fantasienamen „Indominus Rex“, also so etwas wie der Unbezähmbare, gegen den selbst der Tyrannosaurus Rex handzahm wirkt. Und natürlich ist es dieser Prototyp, der dann ausbricht und den schönen Park in Trümmer legt. Was ein paar Halbstars wie Chris Pratt und Bryce Dallas Howard verhindern müssen.

Ein bisschen Kritik an zynischer Konzernkalkulation ist dabei so unabdingbar wie die an der Genmanipulation: Die Tiere sind so raffiniert hochgezüchtet, dass sie so etwas wie Intelligenz entwickelt haben – und auch untereinander kommunizieren, um sich gegen den Menschen zu stellen. Was anfangs als mütterlicher Scherz gedacht war, kehrt sich alsbald in gnadenlose Realität: „Wenn dich was verfolgt, renn.“

Es ist sehr liebevoll, wie Regisseur Trevorrow hier die ersten drei „Jurassic“-Teile noch mal durchdekliniert, ohne sie bloß zu repetieren. Wie in Teil Eins wird da erst die Vision einer vergangenen Welt bestaunt, wie in Teil Zwei machen dann skrupellose Jäger Hatz auf Raptoren. Schließlich bricht der Indominus Rex in eine Riesenvoliere ein, woraufhin die Flugsaurier aus Teil Drei ausschwirren und Jagd auf die Parkbesucher machen. Die zwei anfangs beschriebenen Kinder flüchten schließlich in die alte Schaltzentrale aus Teil Eins, die längst verwittert und verwildert ist und in der sich auch diesmal wieder der Showdown abspielt.

Deutlich wie selten wird dabei auch die eigene Werbestrategie offen gelegt. Auf ihrer Jagd durch die Touristenanlage stürmen die Dinos nämlich auch Souvenirshops und trampeln Dino-Figuren, Shirt-Ständer und andere Memorabilien platt. Da wird die eigene Merchandising-Linie niedergemacht. In einem Hollywood-Blockbuster dieses XXL-Ausmaßes fast schon ein subversiver Moment. Der allerdings konterkariert wird von ungenierten Product Placement: Im Freizeitpark trinkt man Kaffee von Starbucks und Coca Cola, fährt Mercedes und hantiert mit Samsung-Geräten. All das wird aufdringlich ins Bild gerückt. Das ist der einzig wirklich störende Moment in einem sonst rundum gelungenen Film-Reboot. „Jurassic World“ ist eigentlich ein Markenpark der Konzerne.