Ausstellung

Neue Künstler am Käuzchensteig

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Gabriela Walde

Einen Besuch wert: Im ehemaligen Atelier des NS-Bildhauers Arno Breker eröffnet jetzt das sanierte Kunsthaus Dahlem

Immer diese Breker-Fragen. Dorothea Schöne weiß, dass es gewisse Berührungsängste gibt wegen der NS-Historie. Arno Breker, das war Hitlers Lieblingsbildhauer, und weil er dem Führer die gewünschten Großplastiken für seine Welthauptstadt Germania entwerfen sollte, bekam er ein Luxus-Atelier in Dahlem geschenkt. Das Waldgrundstück am Käuzchensteig wurde extra dafür erschlossen. Sieben Meter hohe Fenster, die Decken neun Meter, moderne Hebebühne und Kran, herrlicher Gartenblick, umgeben von grüner Idylle. Wenn man durch das Atelier geht, weiß man, dass hier Monumentales geplant war. So ein Anwesen könnten sich heute allenfalls Großkünstler wie Gerhard Richter oder Neo Rauch leisten. Heute eröffnet in diesem frisch sanierten, klassizistisch anmutenden, dreiteiligen Ziegelbau das Kunsthaus Dahlem mit einer Ausstellung zur Nachkriegsmoderne.

Schautafeln zur NS-Geschichte

Mit einigen Schautafeln möchte Schöne die NS-Geschichte des Gebäudes transparent machen, sie hat unter anderem recherchiert, dass keine Zwangsarbeiter am Bau beschäftigt waren. Auf keinen Fall aber will sie Arno Breker als Staatskünstler ein Forum geben, „das soll hier nicht als Pilgerstätte für Breker wahrgenommen werden“, sagt sie. Wenn sich das Haus eingespielt hätte mit dem neuen Profil, dann werde sie weitersehen. Für sie ist aber „nicht die Architektur das Schlimme, sondern, wie sie genutzt wurde“. Breker lud in den Käuzchensteig ausländische Delegationen ein, repräsentierte dort das Nazireich mit heroischen Plastiken.

Gleich um die Ecke liegt das Brücke-Museum. Mit Heckel, Kirchner, Schmidt-Rotluff ist das Haus ein Forum für die einst von Hitler verfemten Künstler, und im Kunsthaus Dahlem nun die Nachkriegsmoderne, die eine Demokratisierung der Künste einläutete, „mit diesem Dreiklang“ lässt sich die Vergangenheit aufarbeiten, findet Dorothea Schöne.

Ganz behutsam packt sie eine kleine Bronzefigur, in Noppenfolie gewickelt, aus. Georg Kolbes „Befreiter“ pellt sich heraus, gebeugt sitzt er da, die Hände vor das Gesicht geschlagen, 1947 entstanden, ein spätes Werk, mit nur rund 45 Zentimetern für Kolbe untypisch in der Größe. Der Krieg war vorbei und so sah er nun aus, der Mensch, eine geschundene Kreatur, gebrochen und leidend. Schöne zeigt gegenüber auf Gerhard Marcks „Gefesselten Prometheus“ aus Bronze, auch er ist gebückt. Im vorderen Teil steht Bernhard Heiligers „Große Nike“, aufrecht, gesichtslos, abstrakt, dennoch weich in der Form, 3,16 Meter groß und aus Beton. Schöne kennt sich aus mit der Nachkriegsmoderne, ihre Promotion beschäftigt sich mit der Bildhauerei ab 1945 und Künstlern wie Gerhard Marcks, Georg Kolbe, Gustav Seitz, Hans Uhlmann und Bernhard Heiliger, die sich nach der Nazi-Barbarei auf künstlerische Erlösung hofften – im Kampf um ein neues Menschenbild. Die einen versuchten es mit der Figuration, die anderen sahen die Rettung in der unterkühlten Abstraktion der menschlichen Figur. Vier Jahre arbeitete die 38-Jährige am County Museum of Art in Los Angeles zum Thema „Deutsche Kunst und Kalter Krieg“. Erfahrungen, die sie nun am Käuzchensteig gut gebrauchen könne, meint sie.

1,42 Millionen kostete die Sanierung des Kunsthauses Dahlem, finanziert durch eine einmalige Lottozahlung, die Erstausstattung inklusive. Künftig fließen jährlich 230.000 Euro aus der Landeskasse in das neue Ausstellungshaus, die Summe beinhaltet Schönes Leitungsposition, eine halbe Assistenz und die Ausstellungskosten. „Sehr ambitioniert“, formuliert es Schöne diplomatisch. Jedenfalls erwartet sie etwa 10.000 Besucher im ersten Jahr. Mit dem Brücke-Museum soll es ein gemeinsames Ticketsystem geben, „beide Häuser schafft man gut in einem Besuch“, meint sie. Hinter dem Museumsprojekt steht eine Stiftung, ein Ableger der Bernhard-Heiliger-Stiftung, die seit Jahrzehnten in einem kleinen Teil des Gebäudes den Ort hütet.

Übrigens hat Breker am Käuzchensteig kaum gearbeitet, aus Angst vor Bombeneinschlägen, die 1943 die Oberlichter seines Ateliers zerstörten. Er hatte von Hitler – als Geburtstagsgeschenk zum 40. – im Oderbruch Schloss Jäckelsbruch bekommen, dort arbeitete er nun lieber, es war sicherer.

Brekers Atelier war das erste in einer Reihe von Künstlerstudios, die Hitler in der Gesamtplanung von „Germania“ vorsah. An der Kronprinzenallee sollten 20 „Staatsateliers“ entstehen für regimekonforme Maler, Architekten, Filmemacher und Bildhauer. Auch Leni Riefenstahl wollte mit ihrer Filmfirma dort unterkommen, erzählt Dorothea Schöne. Brekers Atelier, im alten Bauplan gelistet unter Nr. 284, war mit 8963 Quadratmetern eindeutig das größte Atelier samt Gartenbereich.

Nach 1945 zogen die Amerikaner in Brekers Atelier, dort befand sich dann die Entnazifizierungsstelle für Kunsteinrichtungen. 1949 bekam der Bildhauer Bernhard Heiliger den Zuschlag für den Ostflügel, er arbeitete und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1995. Es gab auch Künstler wie Fritz Cremer oder Karl Hartung, die verwahrten sich gegen die Idee, das Breker-Atelier zu nutzen. „Viele aber waren einfach froh, im kriegszerstörten Berlin Räume dieser Größe zu bekommen“, erzählt Schöne.

Stipendiaten des DAAD

Später, in den 60er-Jahren werkelte der venezianische Dadaist Emilio Vedova dort an seinem gewaltigen „Berliner Tagebuch“. Die Installation ist heute in der Berlinischen Galerie zu sehen. In den 80er-Jahren goss Fluxus-Pionier Wolf Vostell in Dahlem seine berüchtigten Cadillacs in Beton, einer steht heute noch am Rathenauplatz. Irgendwann gingen die Räumlichkeiten an das Stipendiatenprogramm des DAAD und das Senatsförderprogramm für Ateliers. 2011 zogen im Käuzchensteig 8 die letzten Künstler aus – unter großem Protest.

Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 8, Mi-Mon, 11 bis 17 Uhr. Informationen: www.kunsthaus-dahlem.de