Medien

Immer dem Trend widersetzen

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Joachim Mischke

Der frühere „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer wird heute 85 Jahre alt

In Theo Sommers idyllischem Journalisten-Büro am Speersort – beste Lage in Hamburg – ist die Zeit weltmännisch stehen geblieben. Schreibpult, Holz, und Bücherwand, voll. Auf einem Fensterbrett reifen Zeitungsausgaben dekorativ vor sich hin. Auf dem Tisch bei der Sitzgruppe beerdigt ein grabplattengroßer Band mit den gerade mal 400 wichtigsten „Zeit“-Titelseiten der letzten drei Äonen die Hoffnung, man könnte schnell überfliegen, was ihm bedeutend genug war in den gerade mal 57 Jahren, die Sommer unter diesem Dach tätig ist.

Heute wird Theo Sommer 85, er wirkt rüstig, charmant und aufgeräumt. Aber ein Muskelfaserriss in der Wade nervt. Kein morgendliches Jogging deswegen, seit längerem schon. Frei von Sendungsbewusstsein war Sommer in seinen aktiveren Jahrzehnten beileibe nicht, aber auch nicht, wie sich später herausstellen sollte, von Fehleinschätzungen. Als die Vietnam-Krise noch kein Flächenbrand war, war er dort, in einem Hochlandcamp. Eines Morgens fand man drei abgeschnittene Köpfe. Die Vietcong-Kämpfer hatten den Bürgermeister, den Lehrer und die Krankenschwester abgeschlachtet. Der Augenzeuge Sommer schrieb unter der Überschrift „Der notwendige Krieg“, was er damals noch für richtig hielt und später nicht mehr. Als die Mauer fiel, formulierte er: „Wichtig erschien mir weniger die Einheit beider deutscher Staaten, wichtig ist die Freiheit beider deutschen Staaten.“ Auf dieser intellektuellen Flughöhe, wo die Luft dünn ist und Egos aufblühen, war Theo Sommer sehr lange Zeit unterwegs. Was er prominent ignorierte, war zu klein für die großen Debatten.

Sommer, in Konstanz geboren, war Lokalredakteur in Schwäbisch-Gmünd, danach hat er in Tübingen seine Doktorarbeit geschrieben, über „Deutschland und Japan zwischen den Mächten 1935–1940“. Und direkt danach ging es auf Empfehlung des Politikwissenschaftlers Theodor Eschenburg nach Hamburg, in die Edelfeder-Tafelrunde der Gräfin Dönhoff an den Hof vom Speersort, um von dort aus die Welt zu erklären – und die gewählten Politiker ein Stück weit vor sich her zu treiben. Weil die meisten konservativer waren als man selbst, weil man es so wollte, und weil man es konnte. „Wir haben uns ja alle groß geschubbert an Adenauer“, erinnert sich Sommer.

Mit Sommer über Gewesenes und Geschriebenes zu sprechen, bringt schnell auf die Parliermeile des Grundsätzlichen. „Unser Journalismus war weniger einer, bei dem man sich alle zwei Stunden aktualisiert. Ich möchte nicht, dass dieser Augenblicksjournalismus in den Printbereich hinüberschwappt. Wir müssen uns Zeit lassen zum Recherchieren, zum Nachdenken. Die gedruckte Presse wird nur überleben, wenn sie sich diesem Trend widersetzt und stattdessen Hintergrund bietet, Analyse, Reportage, Porträts, tief recherchiert.“

Bei der Bitte um die Vollendung des nicht ganz fairen Halbsatzes „Ohne mich wäre die ,Zeit’...“ bietet Sommer zunächst ein diplomatisches „... auch ein gutes Blatt“ an. Dann korrigiert er sich, gelernt ist gelernt, ins noch Diplomatischere. „Ohne das Team um Gräfin Dönhoff wäre sie nicht geworden, was sie ist. Die Heutigen machen es in einer anderen Zeit richtigerweise anders, aber sie stehen ja auch auf unseren Schultern.“

Ein Thema, das weniger angenehm ist, muss noch sein. Sommer ist noch auf Bewährung. Steuerhinterziehung, wegen nicht angegebener Honorare, bekam Sommer im letzten Januar ein Jahr und sieben Monate auf Bewährung und musste 20.000 Euro zahlen. Sommer ist zerknirscht, immer noch. „Ich habe da einen Riesenfehler begangen. Da war so viel Schlamperei im Spiel... Einsicht und Buße haben mich meinen Frieden wiederfinden lassen.“