Fernsehen

Ein verdientes Comeback

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Felix Müller

Anne Will wird die Nachfolge von Günther Jauch beim Talk am Sonntagabend antreten

Auf dem Papier lesen sich Karrieren oft nur als tabellarische Abfolge von beruflichen Stationen, die man dann wahlweise als Aufstiegs- oder Niedergangsgeschichte versteht. Dass sie meist dem Gesetz des Zufalls folgen, weil sie unvorhersehbar von den Lebenswegen anderer Menschen durchkreuzt und beeinflusst werden, ist in der Rückschau meistens nur noch schwer erkennbar. Am Beispiel Anne Will kann man dieses Phänomen wie aus dem Lehrbuch studieren. Wie die ARD am Dienstag mitteilte, wird sie nun nicht nur als Vorgängerin, sondern auch als Nachfolgerin Günther Jauchs in die Annalen der öffentlich-rechtlichen Sonntagabendtalkshow eingetragen. Diese Pointe dürfte ihr gefallen.

Dazu ein kurzer Blick zurück. Im Sommer 2007 verabschiedete sich Sabine Christiansen nach stolzen 447 Sendungen von der nach ihr benannten Polit-Talkshow. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sie die Sendung als Arena politischer Schwergewichte etabliert, die am Montagmorgen danach oft zuverlässig die Gesprächsthemen setzte. Der öffentlichen Meinung und bald danach dann auch den öffentlich-rechtlichen Gremien war klar, dass es für sie nur einen Nachfolger geben würde. Doch war dies eben nicht Anne Will, sondern Günther Jauch.

Die zweite Wahl

Jauch lieferte sich dann ein paar Scharmützel mit eben diesen Gremien, bei denen es unter anderem darum ging, ob er seine Sendung „stern-tv“ bei RTL würde weiterführen können. Als diese eskalierten und Jauch zurückzog – er sprach später von den „Gremlins“ in den Gremien –, betrat Anne Will, vormals Moderatorin der „Sportschau“ und der „Tagesthemen“, die Bühne: als zweite Wahl.

Es war eine undankbare Rolle, zumal Anne Will der Mangel an Erfahrung mit den rhetorischen Profis des Politikbetriebs auch anzumerken war. „Im Fernsehstudio machte sich eine bleierne Müdigkeit breit“, schrieb etwa die „Süddeutsche Zeitung“, weil Anne Will bei ihrer Premiere keinen Streit, nicht einmal ein wirkliches Gespräch zustande brachte, sondern eher einzelne Statements abfragte, die kein spannendes Ganzes ergaben.

Aber sie lernte schnell, dass ein Podium etwas anderes ist als ein zugeschalteter Interviewpartner und der Moderator dementsprechend auch Spannungsbögen schaffen und Kontroversen stiften muss. Nach vier Jahren hatte sie nicht nur das Format, sondern auch das Dominanzgebaren der meisten Platzhirsche unter Kontrolle. Sie hätte gut so weitermachen können. Hätte, wäre da nicht wieder Günther Jauch gewesen.

Als dieser sich 2010, das Ende seiner Moderation von „stern-tv“ in Sichtweite, wieder für den Sonntagabend zu interessieren begann, verschob die ARD Anne Will mitsamt ihrer Sendung in einem seltsamen Akt von Unterwürfigkeit gleich auf den späten Mittwochabend. Daran war nicht nur irritierend, dass man einer etablierten Moderatorin mit stabilem Zuschauerinteresse rücklings die Treue brach. Verblüffend war auch, wie dies geschah: Will befand sich, wie sie später in Interviews erzählte, auf dem Flug in die USA und konnte die Mitteilung des NDR-Intendanten Lutz Marmor erst von ihrer Mailbox abhören, als in Deutschland die Personalie schon über alle Mediendienste lief. Wieder einmal sah sich Anne Will gefangen in Berichten über die Zweitplatzierte, zu der man sie öffentlich degradiert hatte.

Es spricht – wie vieles andere – für sie, wie souverän sie schon damals damit umzugehen wusste. Sie räumte das Feld ohne Verbitterung oder Nachtreterei und der Optimismus, den sie verbreitete, roch nicht wie eben aufgeschminkt. Wer ihre Sendung am Mittwochabend verfolgte, der merkte schnell, dass hier jemand angekommen war und die Möglichkeiten des Formats in- und auswendig kannte. Wenn politische Diskussionen in letzter Zeit wirklich Tiefe erreichten, dann eher in den konzentrierten Kammerspielen am späten Mittwoch als auf dem sonntäglichen Großkampfplatz.

Dort wirkte Günther Jauch, von gelegentlichen Höhepunkten wie dem Auftritt des griechischen Finanzministers Janis Varoufakis einmal abgesehen, in letzter Zeit wie in Routine ermattet. Jauchs Stärke liegt in einer oft an die Grenzen des Kindlichen getriebenen Naivität, in der nur vermeintlich ganz simplen Frage, die auch versierte Plauderer in Erklärungsnöte bringt.

Eine betäubte Gabe

Das ist eine Gabe, die man nicht unterschätzen darf, die aber schon seit einiger Zeit wie betäubt schien von all den wiederkehrenden Debatten um Griechenland, den Mindestlohn oder die Lage in der Ukraine. Das blieb von den Zuschauern nicht unbemerkt, und es mag unter anderem die wachsende Kritik an seinem Diskussionsstil gewesen sein, die den 58-Jährigen schließlich zum Rückzug bewog.

Anne Wills Gesprächshaltung ist angriffslustiger und konfliktfreudiger. Zu ihrem Repertoire gehören auch Mittel wie Spott und Ironie, die Jauch sich nur sehr sparsam gestattet – wohl wissend, wie schnell sie Missverständnisse verursachen. Und so werden wir, am Sonntag bald auch wieder die fröhlich vorgetragenen, kleinen Nadelstiche erleben dürfen, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Der Sendung wird es guttun.