Klassik-Kritik

Valery Gergiev dirigiert Festkonzert zum Kriegsende

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Felix Stephan

Vorm Konzerthaus protestieren ukrainische Demonstranten

Jörg Widmann, der Vielbeschäftigte: Nach drei Abenden „Teufel Amor“ in der Philharmonie macht er tags darauf auch im Konzerthaus halt. Seine Konzertouvertüre „Con brio“ eröffnet dort das russisch-deutsche Festkonzert „70 Jahre Kriegsende“. Ein paar ukrainische Demonstranten haben sich vor der Eingangstreppe zum Konzerthaus versammelt. Sie protestieren fahnenschwenkend gegen Putins Politik. Sie rufen zum Boykott gegen Dirigent und Putin-Freund Valery Gergiev auf. Störende Zwischenrufe während des Konzerts bleiben glücklicherweise aus. Das anfangs etwas irritierte Publikum erfährt in Widmanns „Con brio“ professionelle Ablenkung. Es ist ein zitierfreudiges Werk des Münchner Komponisten, ein Werk, das geistreich, aber keineswegs tiefschürfend unterhält. Neben allerlei gekonnt eingestreuten Beethoven-Zitaten – darunter Tutti-Schläge, klassische Melodieformeln, expressive Crescendi – bietet Widmann ein beeindruckendes Arsenal von Luft- und Schabgeräuschen auf.

Valery Gergiev waltet währenddessen am Pult der sogenannten Russisch-Deutschen Musikakademie, einer noch sehr jungen, gleichwohl hoch motivierten Vereinigung aus Musikstudierenden beider Länder. Der russische Stardirigent ist ihr Mitbegründer, ihr künstlerischer Förderer und zugleich auch Schirmherr. Die Musiker präsentieren sich bestens vorbereitet, auch im folgenden Cellokonzert von Robert Schumann. Solist Julian Steckel pflegt hier einen leichten, schlanken Ton, der bei zunehmender Dynamik allerdings rasch ins Ruppige kippt. Das virtuose Passagenwerk der Außensätze lädt er mit einer Geräuschhaftigkeit auf, sein souverän halblautes Spiel im zweiten Satz dagegen wirkt rundum beglückend. Eine Zugabe hat der Wahlberliner noch parat: Prokofieffs „Marsch für Kinder“, ein Stückchen, das Steckel so heiser expressiv angeht, dass man hellhörig wird – passt dieses harmonisch gewollt primitive, spottende Encore überhaupt zu den Feierlichkeiten zum Kriegsende?

Rimsky-Korsakovs „Schéhérazade“ in der zweiten Konzerthälfte passt dagegen umso mehr. Ein farbprächtiges, stolzierendes Werk, das seine Wirkung beim Publikum normalerweise nicht verfehlt. Auch an diesem Abend nicht, zumal ein leidenschaftlich geeintes Orchester auf Stuhlkante musiziert. Unter Gergiev klingen die Streicher breit und offensiv. Die Bläser genießen ihre kostbaren Soli, ohne den Zug nach vorn zu verlieren. Gergiev führt das Orchester mal stramm und wuchtig, mal zurückhaltend und behutsam.