Starproduzent

„Disco hat wohl alle überrascht“

Giorgio Moroder hat Hits im Dutzend geschaffen. Nun hat er nach mehr als 30 Jahren ein neues Album aufgenommen

Nachdem alle Sommerhits der letzten Jahre klangen, als wären sie von Giorgio Moroder aufgenommen worden, ist der Disco-Pionier aus Südtirol nach mehr als 30 Jahren mit einem eigenen neuen Album höchstpersönlich wieder da. Es heißt „deja-vu“ (RCA) und hört sich auch so an. Moroder ist 75 alt, er lebt nicht mehr in München, sondern in Los Angeles, und dass ihn das Musikgeschäft noch einmal brauchen könnte, wäre ihm allein nie eingefallen. Sagt er.

Berliner Morgenpost:

Verstehen Sie sich eigentlich als Musiker?

Giorgio Moroder:

Weniger. Ich spiele nur etwas Klavier und trickse am Computer.

Offenbar verspüren Sie nicht unbedingt den Drang, Musik machen zu müssen.

Das stimmt. Ich habe immerzu gezählt, wie oft ich in Amerika auf Platz eins war und wie viele Oscars ich habe, und mich gefragt, ob ich überhaupt noch arbeiten sollte. Meine Frau musste mich dazu überreden. Nachdem ich die Hymne für die Olympischen Spiele in Peking komponiert hatte, bin ich wieder Golf spielen gegangen. Aber ich habe auch einen Kurzfilm gedreht, meine Kunst ausgestellt und vieles andere mehr getan, das nicht viel mit Musik zu tun hatte. Mir ging‘s gut. Ich war glücklich.

Haben Sie verfolgt, was Ihre Musik so trieb? Wie Beyoncé mit „Naughty Girl“ auftauchte, einer Art Remake ihres Klassikers „Love To Love You Baby“. Oder als im Film „Inglourious Basterds“ von Tarantino David Bowie Ihren Song „Putting Out Fire With Gasoline“ sang?

Das hab ich alles mitgekriegt. Tarantino hat mich im Filmtheater überrascht. Es war eine sehr schöne Szene, und dann lief das Lied sogar über die vollen drei Minuten, das ist selten in Filmen heute.

Und dann hat Ihre Frau Sie ins Studio geschickt.

Es kam eins zum andern: Eher zufällig bin ich bei einer Schau von Louis Vuitton gelandet, um Platten aufzulegen, für 13 Minuten. Dann hat mich Elton John zu einer Feier nach Cannes eingeladen. Plötzlich war ich DJ. Und dann kamen auch schon Daft Punk und wollten etwas mit mir machen.

Kannten Sie Daft Punk?

Ja, schon. Ich wusste nur nicht, was genau sie von mir wollten, sie hatten es mir auch nicht verraten, bis ich da in Paris bei ihnen ihm Studio saß und zwar nicht am Klavier, sondern auf einem Stuhl. Sie sagten, sie wollten nur meine Stimme. Also erzählte ich etwas aus meinem Leben. Nach Monaten riefen sie mich wieder an, ich fuhr hin, und sie spielten mir das Stück über mein Leben vor. Ich hatte ja keine Ahnung. Aber ich finde, es ist ganz gut geworden. „Giorgio by Moroder“, darauf muss man erst mal kommen.

Überrascht es Sie, dass die Musik, die Sie vor 40 Jahren erfunden haben, heute überall gespielt wird?

Und wie. Es hat mich schon vor 40 Jahren überrascht, dass die Musik überall gespielt wurde. Die Plattenfirmen in Amerika zeigten sich damals eher desinteressiert an „I Feel Love“, in England waren sie schon etwas neugieriger. Disco hat wohl alle überrascht Mitte der 70er-Jahre. Ich finde es interessant, dass heute Filme wie „Drive“ mit einer Musik arbeiten, wie ich sie schon für „The Chase“ gemacht hatte. Offenbar gefällt es. Schauen Sie sich „The Social Network“ an, und hören Sie auf die Musik. Das ist eigentlich meine. Das Revival gehört den Menschen, die meine Musik mögen.

in Mann aus einem Dorf in Südtirol macht in München eine Musik, die von Schwarzen und Schwulen in New York entdeckt wird und als Weltmusik heimkehrt.

Ich wollte immer weg und beruflich das machen, was man, als ich jung war, auf Radio Luxemburg hörte. Weltweit erfolgreiche Popmusik zum Tanzen.

Ihr Schlager „Arizona“ soll der erste Popsong mit einem Synthesizer gewesen sein.

Er war der zweite. Der erste war „Son of My Father“, auch von mir. Vorher gab es noch „Lucky Man“ von Emerson, Lake & Palmer. Aber das war Rockmusik, also etwas anspruchsvoller. In „Arizona Man“ habe ich aber das Stylophone benutzt, einen Spielzeug-Synthesizer.

Michael Holm berichtet gern, Sie hätten im Studio echte Streicher aufgenommen und dann technisch so manipuliert, dass sie wie synthetische Streicher klangen. Sind künstliche Sounds schöner als natürliche?

Mir ging es nie ums Künstliche. Mir ging es immer um das andere. Streicher sind eben Streicher. Jeder Streicher, der es schafft, einen neuen Sound zu streichen, wäre mir willkommen gewesen. Auch für den großen Synthesizer, den Moog, brauchte ich ja jemanden, der ihn für mich eingestellt hat. Das war mir zu hoch.

Jeder will heute von Ihnen beeinflusst worden sein. Wer hat Sie eigentlich beeinflusst?

Niemand. Meine Bassfiguren gab es ja vor mir nicht. Schön, die Streichersounds, die bei mir vorkamen, hat seit Silver Convention sowieso jeder benutzt in der Discowelt.

Spiegelt sich wenigstens der Zeitgeist der 70er-Jahre in Ihrer Musik wider? Die Rebellion der Jugend, die Münchner Architektur?

Berlin ging nicht mehr damals, das war mir zu eng, inmitten der Zone. München war Freiheit. Außerdem hat mir die Ariola ein traumhaftes Monatsgehalt gezahlt. Tausend Mark. Dann stieß ich auf die Platte von Walter Carlos, „Switched on Bach“, Bach für Synthesizer, und begab mich auf die Suche nach dem Sound.

Wie haben Sie es geschafft, Donna Summer, eine fromme amerikanische Mutter, die in München bei einer Tournee des Hippie-Musicals „Hair“ hängen geblieben war, beim Singen so hingebungsvoll seufzen und stöhnen zu lassen?

Sie selbst hat später immer behauptet, ich hätte sie dazu verführt, indem ich ihr versichert hätte, nur Testaufnahmen anzufertigen. Das war ihre Ausrede. Sie hat in der langen Aufnahme, in den 17 Minuten, einfach angefangen zu stöhnen. Ich hatte alle rausgeschickt und das Licht ausgemacht.