Literatur

Am besten steinalt: Der Trick der Nibelungen

Die Kabalen des Bestellerautors George R. R. Martin

Wie alt zum der Stoff des Nibelungenlieds ist, weiß niemand so genau. Dabei ist die Quellenlage eigentlich luxuriös. Der Text ist in mehreren Dutzend Handschriften bezeugt, die ältesten von ihnen stammen aus dem 13. Jahrhundert. Aber ob das Nibelungenlied wirklich eine Erfindung des 13. Jahrhunderts oder nicht doch älter ist, ließ sich bisher nicht herausfinden. Weil sein Verfasser die Spur verwischt hat, gleich mit dem berühmten Anfang: „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit“ („In alten Geschichten wird uns viel Wunderbares berichtet“). Der Dichter will die Aventiuren um Siegfried, Kriemhild und Hagen nicht erfunden, sondern aufgeschnappt haben.

Vielleicht ist das die Wahrheit, vielleicht Hochstapelei. So oder so: Der Leser sollte schon damals, vor mehr als 700 Jahren, das Gefühl haben, eine steinalte Geschichte zu hören. Erstens, weil sie damit schon mal mit Vorschusslorbeeren startet (Kann sie schlecht sein, wenn sie schon seit Generationen weitergegeben wurde?), und zweitens, weil Fiktion und Realität auf magische Weise verschwimmen, je weiter die erzählte Handlung zurückliegt. Vieles von dem, was sich Mittelalterforscher so über Karl den Großen zusammenreimen, ist zwangsläufig erfunden. Umgekehrt bemühen sich dieselben Forscher, irgendwo historische Spuren des Drachentöters Siegfried zu finden. Je älter eine Sage ist, desto stärker wird im Publikum das seltsame Gefühl, sie müsste doch einen realen Kern haben.

Ähnlich wie beim Nibelungenlied ist auch bei der Fantasyreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ die Quellenlage ausgezeichnet. Ihr Autor George R. R. Martin hat 15 Millionen Bücher davon verkauft. Sollten die innerhalb der nächsten 700 Jahre alle irgendwie verloren gehen, könnten Historiker den Stoff immer noch anhand der Fernsehserie „Game of Thrones“ ziemlich genau rekonstruieren. Besonders in der ersten Staffel folgt die Serie dem Roman fast eins zu eins, also dem ersten Band: „Die Herren von Winterfell“ (Blanvalet, 576 Seiten, 15 Euro) führt den Leser ein in die Kabale der Herrscherhäuser Stark, Lannister und Targaryen. Noch ohne kämpfende Drachen, dafür schon mit ermordeten Hauptfiguren und dem Schwerpunkt auf ranzigen Bordellen. Vor allem aber: mit extra viel Vergangenheit.

Martin bettet das ganze Gerangel um den Eisernen Thron nämlich ein in eine gewaltige Scheinkontinuität. Sie verbindet die handelnden Personen mit ihren Vorfahren, mit deren Eroberungen, mit der ersten Besiedelung des Kontinents Westeros und schließlich mit den ersten Menschen und der Erschaffung der Welt. Mittlerweile gibt es die Vorgeschichte sogar als ergänzendes Buch zur Romanserie. Sie verleiht dem Stoff eine epische Dimension. Die Fiktion erscheint realistischer, indem sie eine fiktive Vorgeschichte erhält. Ein Taschenspielertrick, den Tolkien schon vorweggenommen hat. Bekanntlich ein großer Liebhaber des Nibelungenlieds.