Bühne

Verwirrungen, Missverständnisse, Quälereien

Ein schwerfälliger Abend in der Staatsoper: Bei Bellinis Oper „La Straneria“ geht so einiges schief

Edita Gruberova schlägt die Hände vors Gesicht. Königin Agnese kann endlich den Schleier und ihr Pseudonym Alaide ablegen, ihr verwirrter jugendlicher Liebhaber Arturo hat sich ins Schwert gestürzt, und die letzte Wahnsinnsarie von Vincenzo Bellinis „La Straniera“ ist geschafft. Man sieht ihre Brust sich heben und senken im stoßweisen Atemholen, während sie den donnernden Applaus entgegennimmt.

„La Straniera“ ist die vierte von zehn Opern, die Bellini komponierte. Edita Gruberova hat „Die Fremde“, so die Übersetzung, 2013 nach Zürich gebracht und zu Beginn dieses Jahres nach Wien. Höchste Ansprüche an Belcantostimmen stellt sie; dabei ist die Handlung so verwirrend, dass die zwei Akte sich nur mühsam dahinschleppen. Wenn die Oper dann noch konzertant gegeben wird, wie nun in der Staatsoper, gerät sie noch schwerfälliger.

Die Geschichte spielt im 13. Jahrhunderts in der Bretagne. Der König von Frankreich muss sich aus politischen Gründen von Gattin Agnese trennen und hat sie auf einem Schloss untergebracht, bewacht von ihrem Bruder Leopold. Agnese aber flieht und lebt nun als Alaide in einer Hütte am See, lässt sich öffentlich nur verschleiert blicken und gilt als geheimnisvolle „Straniera“. Der junge Arturo ist schön, reich und Tenor und verlobt mit der Tochter des Fürsten, Isoletta. Sein Freund Valdeburgo, Bariton, ist in Wahrheit Leonardo, auf der Suche nach seiner Schwester Agnese.

Der Staatsopernchor ist am hintersten Bühnenrand aufgestellt und dringt dadurch ohnehin nur gedämpft bin in den Zuschauerraum, vom Publikum zusätzlich getrennt durch das auf der Bühne sitzende Orchester. Dass kaum ein Einsatz pünktlich gerät, mag daran liegen. Der freudlose Hochzeitschor deutet an, dass aus der Verbindung von Isoletta und Arturo nichts werden kann. Das vermutet auch die Braut, gesungen von Sonia Ganassi, für ihre beiden leider ängstlich abgelesenen Arien im Verlauf des Stückes mit herzlichem Szenenapplaus bedacht. Tatsächlich hat Arturo sich zur Hütte der „Straniera“ geschlichen, findet dort ihr Bild (mit Krone, trotzdem erkennt er sie nicht als Königin) und verliebt sich in sie. Jetzt unterläuft der Dramaturgie der erste Fehler. Alaide nähert sich aus dem Wald, Edita Gruberova ist schon von der Seitenbühne zu hören, bevor sie auftritt. Sie hört von dort offensichtlich das Orchester nicht, denn auf der Bühne dauert es qualvolle zehn Takte, bis die Intonation passt. Alaide und Arturo gestehen sich ihre spontane Liebe. Ab hier gerät die Oper beinahe zur Nummernrevue, weil nicht nur nach jeder Arie applaudiert und geredet wird, sondern auch mal vor dem da capo.

Es wird viel forciert unter der Leitung des wie Gruberova aus der Slowakei stammenden Dirigenten Peter Valentovic. Das Tempo ist über weite Strecken gedehnt, die Staatskapelle wiegt sich wenig inspiriert. Trotzdem nimmt Belcanto-Tenor José Bros die Dynamik kaum einmal zurück. Alfredo Daza aus dem Ensemble der Staatsoper, die ausufernde Partie des Valdeburgo kernig meisternd, muss auf den letzten Tönen kapitulieren. Und auch Gruberova, leider, bleiben einige Koloraturen im Halse stecken. Doch jedes Zittern und jedes Brechen der Stimme passt zur Rolle.

„La Straniera“ in der Staatsoper im Schillertheater, 10. Juni um 20 Uhr