Ausstellung

Schatten der Stars: Wiederholung macht die Meisterin

Elaine Sturtevants Zeichnungen im Hamburger Bahnhof

Es war ihnen eine Herzensangelegenheit, die Sturtevant-Ausstellung im Hamburger Bahnhof zu eröffnen. Denn Udo Kittelmann, heute Direktor der Nationalgalerie, war Direktor am mmk (Museum für Moderne Kunst) in Frankfurt, als er mit Mario Kramer, Kurator dort, 2004 schon einmal eine spektakuläre Einzelausstellung mit Werken der streitbaren Konzeptkünstlerin auf den Weg brachte – ein großes Wagnis zu einer Zeit, als außer Künstlern eigentlich niemand Sturtevant kannte. Mittlerweile gilt sie als eine der wichtigsten Künstlerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Radikalität ihrer Arbeiten wird gar mit denen Marcel Duchamps verglichen. 2011 erhielt sie für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen auf der Biennale in Venedig, 2014 die erste große Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art. Im selben Jahr verstarb die 1924 in Lakewood, Ohio geborene Künstlerin mit 90 Jahren.

Auf den Erfolg hatte Sturtevant, die sich selbst von Freunden nicht mit ihrem Vornamen Elaine anreden ließ, lange warten müssen. Dabei hatte sie immer im Schatten der Erfolgreichen gearbeitet – und als deren Schatten. Denn ihre oft missverstandene radikale Methode war die Ästhetik der Wiederholung. Ab 1965 reproduzierte sie die Werke von Künstlern ihrer Generation – ausschließlich Männer und alle sollten sie berühmt werden – mit beharrlicher Akribie und höchster technischer Präzision aus dem Gedächtnis. Andy Warhols Flowers, Jasper Johns Flags, Lichtensteins Hot Dogs, Wesselmanns Nudes – sie alle tauchen bei Sturtevant wieder auf. Zielsicher hat sie ikonische Motive ihrer Zeitgenossen wiedererschaffen, und diese oftmals zeitgleich unter ihrem Namen ausgestellt und verkauft, zum ersten Mal 1965 in der Bianchini Gallery. Die Künstlerkollegen reagierten unterschiedlich auf diese Enteignung. Warhol gab ihr die Siebe für die Drucke seiner Flowers, Oldenburg flippte aus, als Sturtevant seinen „Store“ komplett nachbaute. Im Hamburger Bahnhof geben nun über 100 Zeichnungen, ausgewählt von Mario Kramer, Einblick in das Schaffen dieser ungewöhnlichen Künstlerin.

Sturtevant: Drawing Double Reversal. Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51