Klassik-Kritik

Vergebens suchen die Philharmoniker das Paradies

Verzweiflung und Todesvision: Jörg Widmanns „Teufel Amor“

Die Welt kann so ungerecht sein: höflich zurückhaltender Applaus für einen sensationellen Widmann, begeisterte Bravorufe für einen durchwachsenen Tschaikowsky. Die Philharmoniker leiden an diesem Abend Höllenqualen. Qualen, die Jörg Widmanns „Teufel Amor“ musikalisch einfordert. Ein Geräuschspektakel von 2011, das aus tiefsten Tiefen emporkriecht. Grunzend und schnaubend, keuchend und röchelnd.

Widmann verdammt die ersten Geigen zunächst zum Nichtstun. Erst nach gefühlten zehn Minuten darf Konzertmeister Daishin Kashimoto einen verdorrten Hochton anstreichen. Es ist der Weckruf für die übrigen ersten Geigen. Der Teufel schwingt sich nun in die Lüfte, wiehernd und kreischend. Kaum zu glauben, dass dieser Höllenflug über zwanzig weitere Minuten trägt. Es muss an Widmanns phänomenalem Klanggespür liegen, an seinem Forschen nach neuartigen Farbgeräuschen. Und nicht zuletzt an Gastdirigenten Daniel Barenboim, der die Philharmoniker auf einen seiner Lieblingskomponisten der Jetztzeit geradezu eingeschworen hat. Die Musiker knechten ihre Instrumente, die Publikumsohren schmerzen.

Widmann scheint den Philharmonikern wichtig. Man spürt ihren starken Willen, „Teufel Amor“ besser als alle anderen Orchester bisher zu spielen. Doch das Publikum bleibt recht reserviert. Hat es etwa Schwierigkeiten, sich auf Widmanns Kompositionsstil einzulassen, sich jener eigentümlichen Mischung aus rhapsodischer Wucherungen und virtuoser Stringenz ganz hinzugeben?

Wie auch immer: Dieser Widmann-Wurf bleibt sensationell. Lediglich wegen des Titels und des Programms muss sich der Komponist Kritik gefallen lassen. Denn warum heißt dieses Werk eigentlich „Teufel Amor“, wenn sich die Hölle so breitmacht, dass für „Amor“ keinen Zentimeter Platz mehr bleibt?

Laut Programmheft hatte Widmann vorgehabt, „den janusköpfigen Charakter der Liebe als Paradies und Schlangengrube“ zu thematisieren. Umso verwunderlicher, dass an keiner Stelle das Paradies aufzuleuchten scheint. Es gehört wohl zu Widmanns Erfolgsrezept, seine Werke durch publikumswirksame, mitunter spekulativ verschleiernde Erläuterungen noch attraktiver zu machen. Nötig hätte er es nicht. Ein gutes Beispiel für das Verschweigen eines Programms bietet Tschaikowskys Sechste Sinfonie gleich im Anschluss. Auch ohne offiziellen Komponistenkommentar lässt sich erfolgreich erahnen, worum es hier geht – um seelische Abgründe und nostalgische Erinnerungen, um rasende Verzweiflung und zerquälende Todesvisionen. Eigentlich die perfekte Ergänzung zu Widmanns „Teufel Amor“. Zumal die Philharmoniker diese Sinfonie seit Jahrzehnten in- und auswendig kennen. Und trotzdem häufen sich die Unstimmigkeiten. Es wackeln die Einsätze, es kommt zu grandiosen Tempo-Missverständnissen. Es ist, als würde Widmanns Teufel den Philharmonikern weiterhin im Nacken sitzen, ihnen seinen fauligen Atem ins Gesicht ätzen.