Roman

Der Tod ist ein Meister aus Mexiko

Und wieder der Drogenkrieg: Don Winslow schreibt mit „Das Kartell“ einen Fortsetzungsroman

Muss mal kurz innehalten. Mit der Hand übers Gesicht fahren. Es ist still draußen. Nacht liegt überm Fluss. Hab gerade ein paar Tausend Menschen sterben sehen. Bei Don Winslow. In „Tage der Toten“ und im „Kartell“, seinem neuen Roman. Ein Ziegelstein von einem Buch, liegt hier rechts. Kinder, Frauen, Alte – ihnen wurde die Haut bei lebendigem Leib abgezogen. Babys wurden von Brücken geworfen. Sie haben Menschen in Tonnen gesteckt, diese Bestien, nachdem sie ihr Inneres nach außen gefoltert hatten, dann haben sie Benzin genommen und sie angezündet. „Schmorbraten machen“ haben sie das genannt. Und sie haben dabei sehr gelacht.

Gut anderthalbtausend Seiten, acht Akte, fast zwei Romane lang ist das bis jetzt so gegangen. Vom Beginn des Drogenkriegs 1975 bis annähernd heute. Ein Mann, Art Keller heißt er, Halbmexikaner und bibelfest, zieht darin in einen Rachekreuzzug, durch ein gewaltiges Epos aus Blut und Schnee. Ein Aufklärer auf derart verlorenem Posten, wie wohl noch nie ein Posten verloren war. Einer, der nicht aufhören kann. Der die Herren des weißen Pulvers jagt wie vor ihm nur Ahab den weißen Wal. In Mexiko war das und in Guatemala und in all den Ländern, in denen der vermeintliche Krieg gegen Drogen herrscht, von dem Winslow erzählt, den man mal als dreistufige Rakete in die Zukunft des internationalen Thrillerwesens bezeichnen konnte. Also in der ganzen Welt. Denn der Drogenkrieg ist wie die Droge und die pilzwurzelwerkähnlich verbreitete Struktur des vielleicht erfolgreichsten Geschäftsmodells überhaupt – überall. Er macht alle gleich, dieser Krieg. Er macht alle zu Tätern, die Welt zur Hölle. Don Winslow weiß alles. Über das Wurzelwerk und über Drogen und den Krieg, der wohl nie endet. Winslow (Jahrgang 1953, gebürtiger New Yorker) hat jahrzehntelang recherchiert. Mit den Leuten gesprochen, den Händlern des Todes, den Opfern, den Ermittlern.

Auf diesem Berg von Daten, von Zahlen, Nachrichten, Geschichten, tanzte er seine ganz eigenen Romane, die dann „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ hießen und „Tage der Toten“. Dokuromane, streng in der Form, frei in den Perspektivwechseln. Romane, in denen alles wahr war und alles trotzdem so furchterregend fantastisch aussieht wie in den Bildern Hieronymus Boschs.

600 Seiten „Tage der Toten“, fast 800 Seiten jetzt vom „Kartell“, dem „Tage der Toten“-Sequel. Winslow hat es geschrieben, weil er noch genug Wut hatte auf die Welt und den unnützen Kampf gegen die Kartelle und genug Datenmaterial. Die Geschichte des Drogenkriegs von 2004 bis beinahe heute.

Es hat wieder tausend Tote gegeben. Es ist einfach weitergegangen. Die Geschichte und die Mechanik der Erzählung. Die Amerikaner machen erneut alles falsch. Der Familienkrieg der Kartelle entbrennt wieder, dieses Mal mit anderen Mitteln. In den Hinterzimmern wird gemauschelt, in den Folterkammern fließt Blut.