Sammlung

Schätze für Kreuzberg

Berlin ist ein Zentrum für Islamische Kunst. Mit der Bumiller Collection kommt nun ein bedeutendes Privatmuseum hinzu

Der Islam ist weiß, weißer geht es nicht. Oben im Loft ist alles hell, großzügig – und weiß. Decke, Wände, der Tisch aus Lack, der historische Bauhaus-Stuhl. Irgendetwas ist ungewöhnlich. Kein Raum hat so viele weiße Säulen, gleich hintereinander, drei Stützpfeiler gab es bereits im Loft, fünf sind es jetzt, noch dazu haben sie ornamentale Kapitelle. Ein Stuckateurmeister der Staatsoper hat sie entworfen. Das bildet einen auffallenden Kontrast zum Industriecharme der designten Halle. Hausherrin Jill Bumiller, salopp in Beige und Weiß, gibt uns zuallererst eine Lektion: Die fünf Säulen des Islam sind das. Es gibt keinen Gott außer Allah: Shahadah.

„The Bumiller Collection“. Wir sind im ersten Privatmuseum für islamische Kunst, Naunynstraße 68, ein Kreuzberger Hinterhof. „Hier in den Kiez gehört es. Wenn es etwas bewirken kann, dann hier“, hofft die 35-jährige Berlinerin jedenfalls. Um die Ecke in der Nachbarschaft gibt es zahlreiche muslimische Vereine, Organisationen, Cafés. Eine Sisha-Lounge reiht sich an die andere. 35.000 Muslime, so sie Statistik, gibt es in Kreuzberg.

Stärkere Wertschätzung

Berlin hat auch ein Museum für Islamische Kunst, das erste seiner Art, mit Sitz im Pergamonmuseum. Nach der Sanierung auf der Museumsinsel wird es sich auf das zweieinhalbfache vergrößern. An der Humboldt-Universität wurde letztes Jahr eine Professur für die Kunstgeschichte islamischer Kulturen eingerichtet. Bumiller möchte mit ihrem Museum dazu beitragen, dass Kunst und Kultur der muslimischen Welt stärker wertgeschätzt werden. Dabei meint islamische Kunst nicht Kunst für oder von Muslimen und erst recht nicht religiöse Kunst. Vielmehr ist all das gemeint, was aus Ländern stammt, in denen die Mehrheit der Menschen dem islamischen Glauben angehört. Der Islam wird häufig als zerstörerisch dargestellt, die vergangenen Jahre haben die Vorurteile mehr bestätigt als entkräftet.

Aus Sicherheitsgründen sei sie mit der Kollektion in den denkmalgeschützten Hinterhof der ehemaligen Fabrik gezogen, erzählt sie. Der Fahrstuhl funktioniert nur mit einem Schlüssel. Zunächst können die Besucher auf Anmeldung kommen, der Eintritt ist frei.

Bumiller möchte erst mal sehen, wie es läuft. Ihre Gäste betreut sie selbst, „ganz individuell und intensiv“. Sie hat dabei Hilfe durch ihren Kurator Kourosh Rashidi, 41, er kommt aus dem Iran und kennt jedes Artefakt aus dem Effeff. In einer Vitrine liegt ein schmuckvoller Federkasten – aus dem heutigen Afghanistan – mit feinster Bronze-, Kupfer- und Silberlegierung ausgestattet. Er verfügt über drei winzige Fächer, für Feder, Wasser und Tinte, ganz schön modern fürs 13. Jahrhundert. Schon ist Rashidi bei der nächsten verspiegelten Vitrine, um zu erklären, wie Ketten an Ösen am Kriegshelm als Gesichtsschutz dienten.

Eigentlich kommt die Sammlung aus Bamberg, und eigentlich gehört sie ihrem Vater. Irgendwann dachte Manfred Bumiller, demnächst 88 Jahre, an die Weitergabe seines Lebenswerkes. Es ist naheliegend, da an die eigene Tochter zu denken. Sie ist Schauspielerin, später studierte sie Kunstgeschichte und promovierte. Allerdings nicht über muslimische Kunst, sondern zum Motiv der Lokomotive in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Jill Bumiller ist mit den Artefakten aufgewachsen, dennoch überlegte sie ein bisschen, schließlich gestaltet sich ein Arbeitsverhältnis zwischen Tochter und Vater nicht unbedingt leicht. Zumal wenn der Herr Papa einen starken Charakter hat. Da hilft nur, etwas dagegenzusetzen. So entstand ihre Idee der Berliner Dependance, mit eben einer Auswahl von Objekten aus dem Bamberger Fundus. Für sie „eine Investition in die Zukunft der Sammlung“. Bumiller senior gab grünes Licht und finanzierte den Kauf des 220 Quadratmeter großen Kreuzberger Lofts.

Bumillers Sammlung umfasst 6500 Objekte, sie zählt zu den bedeutendsten Kollektionen für Bronzekunst im 7. bis 13. Jahrhundert, erklärt uns Kurator Rashidi. Sie beinhaltet daneben Objekte aus Keramik, Glas und Stein wie Korane, Münzen und Schmuck. In einem alten, ausgebauten Bürgerhaus in der Bamberger Austraße hat die Foundation ihren Stammsitz, einige Schritte nur zur Universität, gute Lage für junge Islamwissenschaftler, die dort jede Menge Anschauungsmaterial finden. Seit 2008 gibt es einen Kooperationsvertrag zwischen Bumiller und der Universität, damit Lehre und Forschung gesichert sind.

Jill Bumiller erzählt wie ihr Vater, der als Steuerberater in München ziemlich gut verdient haben muss, 1980 auf die Idee kam, zu sammeln. Ursprünglich wollte er sich schönen Gemälden des 19. Jahrhunderts widmen. Ein Kunstexperte riet ihm ab und stattdessen zum Sammeln islamischer Metallarbeiten. Das war ein Alleinstellungsmerkmal: Es gab damals niemanden, der so etwas sammelte. Zudem waren die Preise moderat, das sieht heute auf dem Kunstmarkt anders aus.

Bumiller sammelte und sammelte. Öllampen. Anhänger. Flakons. Tiegel. Engelhalsflaschen. Eine nach der anderen – alles vergleichbare Objekte. Zu sehen ist, wie sich Typologien entwickelten. So gehören zum Bestand etwa 200 Räuchergefäße und 150 Öllämpchen. „Das Sammlungsprinzip ist vor allem auch gut für die Forschung“, meint Rashidi. Bumiller selbst nennt es sein „Briefmarkensammlerprinzip“. Irgendwann waren all die Gegenstände zu viel für die Wohnung in Bamberg. Das Museum entstand.

Jill hat mit ihrem Vater einen Deal ausgehandelt. Drei Mal im Jahr will sie im Kreuzberger Loft, Gegenwartskunst zeigen. Junge Berliner Künstler und Fotografen wie Ulf Saupe, der Wasser mit der Kamera erforscht. Kontakte hätte sie, an Künstler mangelt es auch nicht. Dann kommt der Islam raus – temporär.

Bumiller Collection. Naunynstr. 68, Kreuzberg. www.the-bumiller-collection.com . Führungen nach Anmeldung: Tel.: 52 666 246