Fernsehen

Humorlose Freaks

Verrat und Hass: Unangenehme Menschen im Wiener „Tatort“

Die Welt von Peter Wendler ist eine Welt hinter Mauern. Hinter hohen Mauern, fünf Meter mindestens, dazu Gitter und Stacheldraht: Sicherungsverwahrung in der geschlossenen Psychiatrie. „Nicht wirklich toll die Aussicht hier, gell?“, fragt Wendler. Kerzengerade steht er in einem kleinen Innenhof, sein Hemd ist bis oben hin zugeknöpft, selbst der Kragen ist gebügelt, die dunklen Haare akkurat gekämmt. Ein unfassbarer Pedant. „Na ja, immerhin: Man sieht den Himmel“, sagt der deutlich weniger pedantische Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), Dreitagebart, Wuschelfrisur, hängende Schultern. Wendler (Anian Zollner) legt die Stirn in Falten: „Als ob von dort etwas zu erwarten wäre.“

Nein, vom Himmel ist nichts zu erwarten in diesem „Tatort“ – und das, obwohl die Folge diesen Titel trägt: „Gier“. Doch nur Verlierer gibt es am Ende, Verzweifelte, Verhaftete, Tote – und einen bitteren Triumph. Dabei kommen die Wiener Ermittler Eisner und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) zunächst eher ungewollt zu ihrem neuen Fall: Roswitha (Emily Cox), die Patentochter ihres Vorgesetzten Ernst Rauter (Hubert Kramar) stirbt bei einem Unfall in einer Chemiefabrik. Gefährliche Flusssäure tropft ihr auf die Schulter, ihr Sicherheitsanzug hält nicht stand, die junge Frau, in der zehnten Woche schwanger, erliegt ihren Verletzungen. Brutale Anfangsminuten. Rauter bittet Eisner und Fellner, den Fall seiner toten Patentochter trotz Fachfremdheit zu übernehmen. Quasi als Freundschaftsdienst.

Soweit, so klar. Kompliziert wird es allerdings, als Fellner und Eisner beginnen, das Familiengeflecht zu entwirren, das hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Denn der offenkundig mangelhafte Schutzanzug von Roswitha stammt vom Textilkonzern der Familie Wendler, dessen geschniegelter Erbe leider hinter Gittern sitzt. Er soll versucht haben, seine nicht minder verrückte Ehefrau zu töten, die jetzt ein Wendlersches Subunternehmen leitet – eben jenes, das für die Herstellung der Schutzanzüge verantwortlich ist. Dann ist da aber auch noch ihr Geliebter, der auch mal der beste Freund von Peter Wendler war. Und ein sonderlicher Inder und eine noch sonderlichere Sekretärin. Man sieht sich so mit einem ziemlich unangenehmen Quintett konfrontiert, das sich skeptisch beäugt, manipuliert und hasst.

Eigentlich logisch, dass man als Zuschauer dann auch nicht richtig warm mit diesen Leuten wird – die Dichte an humorlosen und gefühlskalten Freaks in 88 Minuten Sendezeit ist dafür einfach zu hoch. Merkwürdig sind allerdings die häufigen Split-Screens, mit denen Regisseur Robert Dornhelm den Fernsehschirm immer wieder in vier Teile teilt, um eine Szene aus mehreren Kameraperspektiven gleichzeitig zu erzählen. Im besten Fall könnte man sich dabei an Quentin Tarantino erinnert fühlen. Im schlimmsten Fall aber eher an die 80er-Jahre-Serie „Dallas“. Und genau das ist leider immer wieder der Fall. Der Wendler in seinem Gefängnishof hat schon recht: Der Himmel schenkt einem nichts. Die Bilanz: drei Leichen, zwei Täter – und ein gutes Stück Erleichterung, dass alles endlich überstanden ist.