Konzert

Wenn die Clownsfratze das Schlächterbeil hervor holt

Laserblitze, Kunstblut und Konfetti bei Kiss in der O2 World

Als der schwarze Vorhang mit dem vierbuchstabigen Band-Logo fällt, bricht am Mittwochabend die Hölle los in der O2 World in Friedrichshain. Laserblitze greifen zuckend durch die Halle. Flammenwerfer züngeln hitzig im Takt. Böller detonieren und gleißende Feuerwerkskörper zischen über die Bühne. Und mittendrin in diesem überbordenden Feuerzauber stehen die vier Musiker der amerikanischen Glam-Hardrocker Kiss mit ihren schwarz-weiß geschminkten Horror-Clownsfratzen, in Phantasiekostümen samt hoher Plateausohlen und hämmern rund 8000 Besuchern ihren Song „Detroit Rock City“ um die Ohren.

Der im Verlauf der Show Feuer spuckende Bassist Gene Simmons („The Demon“) und Gitarrist Paul Stanley („TheStarchild“) sind seit der Bandgründung 1973 dabei. Nach diversen Besetzungswechseln gehören Gitarrist Tommy Thayer in der Rolle des „Spaceman“ und Schlagzeuger Eric Singer als „Catman“ zur Cast. Gemeinsam inszenieren sie eine Rock’n’Roll-Revue. Man sieht ihnen hinter all der Schminke ihr Alter nicht an. Simmons ist 65 Jahre alt, Paul Stanley 63, die anderen beiden sind in den 50ern. Mehr als 100 Millionen Platten haben sie verkauft. Außerdem sind Kiss Rekordhalter: In den USA sind sie die Band mit den meisten goldenen Schallplatten. Weltweit stehen sie auf Platz drei, hinter den Beatles und den Rolling Stones.

Für sein Bass-Solo vor „God of Thunder“ hängt sich Simmons, der Mann mit der längsten Zunge des Rock’n’Roll, ein Instrument in Form eines Schlächterbeils um. Er hämmert kurz und knackig in die Saiten. Er blickt in seinem Kabuki-Comic-Gesicht grimmig in die Ferne. Und spuckt im giftgrünen Scheinwerferlicht, alle haben darauf gewartet, mit Kunstblut um sich. Bisschen eklig, aber kommt immer wieder gut an.

Und dann geht die anderthalbstündige Show mit „Black Diamond“ in ihr Finale, der Feuerwerker ist genau genommen das fünfte Bandmitglied. Erst bei den Zugaben holen Kiss ihre großen Hits hervor: das polternde „Shout It Out Loud“, den Disco-Ausrutscher „I Was Made For Lovin‘You“ und die Hymne „Rock and Roll All Nite“, bei der noch einmal alles aufgefahren wird samt Schwebebühne und Konfettikanone. Das Publikum überschüttet Kiss mit Jubel.