Theater-Kritik

Der junge Elyas wütet gegen das Leben als Fremder

Deniz Utlus „Die Ungehaltenen“ im Studio des Gorki-Theaters

Da ist einer wirklich wütend: Wann immer dieser Elyas spricht, scheint es unter seiner Haut zu pulsieren. Getrieben tigert er auf dem schmalen Bühnenstreifen auf und ab, presst die Worte aus sich heraus, als ob er sich nicht entscheiden könnte, ob ausspucken oder runterschlucken die bessere Alternative wäre. Zu sich kommt er nur, wenn er am Mikrofon steht und Balladen singt, türkische Volkslieder und Liebespop. Elyas ist Hauptfigur und Icherzähler in Deniz Utlus vor gut einem Jahr erschienenen „Die Ungehaltenen“, eine Mischung aus Berlin-Roman und Roadmovie. Elyas wie auch Aylin, in die er sich später verlieben wird, sind Vertreter der zweiten türkischen Einwanderer-Generation und deshalb doppelt ungehalten: Wütend, weil sie zwar in Deutschland geboren und sozialisiert wurden, aber doch nie ganz ankommen dürfen. Und haltlos, weil sie irgendwo zwischen den beiden Kulturen verloren zu gehen drohen.

Utlu erzählt das in ruhigen, geradezu verhaltenen Szenen, die melancholisch abgefedert sind und in denen Wut wie Witz allenfalls leise pulsieren. Daraus ist in der Bühnenfassung von Hakan Savaş Mican und Necati Öziri am Studio des Gorki-Theaters eine ziemlich offene Wut und ein grober Witz geworden. Schon der Einstieg pendelt zwischen Kabarett und Comedy, wenn Mehmet Ateşçis Elyas gegen das heutige Kreuzberg, die Touristen, die dummen Fragen seiner Kommilitonen anwütet. Ein Eindruck, der sich verstärkt, weil auch die Nebenfiguren grob geschnitzt sind.

Mican hat vor knapp zwei Jahren hier im Studio mit „Schwimmen lernen“ sehr zum Erfolg des neuen Gorki beigetragen, hat sich später mit Fassbinder auf der großen Bühne bewährt. Schon in „Angst essen Seele auf“ gerieten ihm die Nebenfiguren zu Klischees, aber in den ungleichen Liebenden pulsierte es warm. In „Die Ungehaltenen“ aber entsteht trotz berührender Livemusik an Oud, Gitarre, Geige und Schlagzeug und beeindruckender Video-Himmelpanoramen von Berlin und Istanbul zu selten Gefühl. Stattdessen wütet ein junger Mann, dessen Vater stirbt, der sein Jurastudium schmeißt, der sich im Party-Berlin treiben lässt (wovon man in der Bühnenfassung so gut wie nichts mitbekommt), dann nach Istanbul fliegt (warum, wird hier auch nicht ganz klar), mit Aylin ans Schwarze Meer fährt. Selbst in Elyas’ Reflexionen über Leben und Tod brodelt es. Mehmet Ateşçi macht das toll zwischen Rockpose und Schmerzchoreografie, außerdem singt er mal wieder hinreißend.

Aber Wut allein ist nicht abendfüllend, auch nicht kurze 90 Minuten lang. Am Ende bleibt vor allem die Schönheit der Musik, die Elmira Bahrami, Volkan T. und Mehmet Yilmaz machen – und neue Lust auf Utlus Roman.

Maxim Gorki Theater/Studio, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte. Tel. 20221115 Termine: 13., 14., 29. und 30.6.