Personalien

„Wir sind eine Doppelspitze“

Erstmals übernehmen zwei Frauen die Leitung der Akademie der Künste: Jeanine Meerapfel und Kathrin Röggla stellen ihre Pläne vor

Der Reichstag mit wehender Fahne, das Brandenburger Tor – der Blick aus dem Panoramafenster des Clubsaals könnte nicht besser sein für die Vorstellung der neu gewählten Akademie-Präsidentin. Küsschen hier und da, Jeanine Meerapfel, 71, drückt kurz ihre Vizepräsidentin Kathrin Röggla, 43 Jahre. Ihr Umgang ist herzlich, locker, vertraut, die Frauen sind befreundet. Eine andere, weichere Tonart zieht ein in die Akademie. Beide sitzen nun auf rotorangefarbenen Stühlen auf einem merkwürdig erhöhten, grauen Filzpodest, das extra aufgebaut wurde. Ohnehin hält Meerapfel nicht viel von hierarchischen Strukturen, sie möchte die Künstlergemeinschaft gleichberechtigt mit ihrer Stellvertreterin führen. „Wir sind eine Doppelspitze“, sagt sie. „Ich werde mich nicht auf einen höheren Stuhl setzen. Wir sind befreundet und ich denke, dass dies eine echte Zusammenarbeit sein wird.“

Nicht in die Frauenecke drängen

Eigentlich kam nur eine Frau infrage, nachdem der scheidende Präsident Klaus Staeck sich selbst auf Präsidentinnensuche machte und das Thema in öffentlichen Statements die letzten Wochen mantramäßig wiederholte. Die Personalien kursierten seit einigen Wochen, bekannt war auch, dass Meerapfel/Röggla ihre Bereitschaft zur Kandidatur signalisiert hatten. Aber die Wahlen in der immer noch männerdominierten Akademie sind generell eher wetterwendisch wie der April. 130 Mitglieder wählten das Duo dann am Sonnabend mit großer Mehrheit. Ohne Gegenkandidat. „Ich habe nicht ganz daran geglaubt“, erzählt Kathrin Röggla. „Doch dann war es unglaublich, zu spüren, welche große Mehrheit hinter uns steht.“ Sie hält kurz inne – „ja auch Männer“, fügt die Schriftstellerin und Theaterautorin hinzu. Ein bisschen komisch sei es schon, plötzlich gilt ihre Stimme ja für eine ganze Institution.

Klaus Staecks Wunsch ging mit der Wahl des selbstbewussten Berliner Damenduos in Erfüllung: „Es war an der Zeit. Dass gleichzeitig eine Schriftstellerin das Amt der Vizepräsidentin antritt, betrachte ich als Glücksfall. Ich habe mich nicht ohne Risiko für dieses Wahlergebnis eingesetzt und sehe die Akademie jetzt auf einem guten Wege.“ Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) freut sich über die doppelte Frauenpower, das sei ein „Meilenstein“.

Doch auf das Frauenthema eingehen, das möchte Meerapfel nicht weiter. Mit dem Begriff könne sie nicht recht etwas anfangen. So, als sei ihr die Diskussion leidig, vielleicht aber will sie sich einfach nicht in die Frauenecke drängen lassen. Kunst sei keine Frage von Alter, Gender oder Hautfarbe. Punkt. „Ich bin, die ich bin.“ Röggla sieht das anders, sagt schon, dass sie ihre Wahl sieht als einen Auftrag, dem bisherigen „krassen Ungerechtigkeitsverhältnis“ gegenüber Frauen entgegenzutreten. Nur gut ein Fünftel der Mitglieder sind weiblichen Geschlechts. Die gebürtige Salzburgerin und studierte Germanistin, die in „Nord-Neukölln“ wohnt, wie sie scherzend erzählt, hat drei kleine Kinder, ihr Mann ist der Schauspieler Leopold von Verschuer, da wird sie vieles unter einen Hut bringen müssen für das neue Amt. Wird sie da noch zum Schreiben kommen? „Als Künstlerin bin ich ein Vampir, ich nehme die Einflüsse hier in der Akademie auf und arbeite damit.“

Nun darf man sagen, dass zwar endlich eine Frau Chefin ist, von einem Generationswechsel aber ist das weit entfernt. Mit 71 Jahren hat Meerapfel, die eine kleine Filmproduktion in Berlin besitzt, das präsidiale Alter, in dem man für seine künstlerische Lebensleistung ausgezeichnet wird. Doch sie setzt mit Röggla auf jenes Zusammenspiel zweier Generationen, noch dazu am gleichen Tag, am 14. Juni, geboren – „wir lernen doch voneinander“, meint sie. Und ihr glaubt man das.

Die deutsch-argentinische Regisseurin mit jüdischen Wurzeln kennt das Haus gut, seit 1998 ist sie Mitglied, drei Jahre war sie stellvertretende Direktorin in der Sektion Film und Medien, also im Senat involviert, sie weiß um die Fragen und Probleme der Institution. Sie wird gefragt, ob es vielleicht bald eine Zuwahl an jungem Nachwuchs gibt. Meerapfel kontert: „Es ist eine Mär, es ist wirklich eine Mär, dass wir hier nur alte Säcke sind.“

Die neue Präsidentin wird sich an ihrem Vorgänger Staeck messen lassen müssen, der sein Amt darin sah, sich politisch einzumischen. „Nichts ist erledigt“ steht auf einem Banner an der Akademiefassade, seine Abschiedsausstellung titelt er „Kunst für alle“. Ein eindeutiges Vermächtnis für das Damenduo Meerapfel/Röggla.

Mehr Internationalität

Klar, die beiden werden eigene Akzente setzen, aber sie wollen auch an das anknüpfen, was dem Sozialdemokraten im Amt am wichtigsten war: sich einmischen und die Stimme erheben, dort, wo es um den Zustand unserer Gesellschaft geht. Eine Themenliste haben sie auch parat, na ja, auf die Fragen waren sie vorbereitet, „volle Palette“ (Meerapfel). Die Freiheit der Kunst wolle man verteidigen, auch in Ländern, wo sie nicht gegeben ist, sich weiterhin einsetzen für verfolgte Künstler. Die Akademiegespräche möchten sie weiterführen.

Eines der wichtigsten Themen sei das „kulturelle Gedächtnis“, die Erinnerung an Geschichte und Geschichten, welches eine wichtige Rolle spiele in all ihren Filmen, meint Meerapfel. Und ja, vor allem mehr Internationalität der Akademie, „das können wir noch verbessern“. Lateinamerika, Asien, Afrika, um diese Länder und Nationen geht es ihr. „Wir haben“, sagt sie, „kein Europa der geschlossenen Türen, sondern der offenen Türen – mit den Mitteln der Diskussion.“