Literatur

Kurzgeschichten, die den Leser einfach umhauen

Knockout: Amy Hempel kennt den präzisen Schlag

In dreißig Jahren hat die Amerikaner Amy Hempel vier schmale Bände mit Erzählungen produziert – voller Sätze, die sie, wie Chuck Palahniuk in einer feurigen Liebeserklärung schrieb, nicht handgefertigt, sondern durchgefoltert habe. Einladend klingt anders, und vielleicht ist Amy Hempel in Deutschland auch deshalb nahezu unbekannt, weil ihr der Ruf vorauseilt, eine Avantgardistin zu sein. Tatsächlich besteht wenigstens eine Hempel-Story aus einem einzigen Satz (der einen erwartungsgemäß etwas ratlos zurücklässt). Doch Hempel kann auch klassische Short-Story-Schreiberin sein, die alle Tugenden der Gattung auf sich vereint und kein Wort zu viel schreibt. Dass Hempel-Storys wie „Der Friedhof, auf dem Al Jolson begraben liegt“ und „Anf, Zus, Zun, Wei, Wie“ in Amerika als Klassiker gelten, hat klassische Gründe: Sie hauen viele Leser einfach um.

Beide Erzählungen stammen aus Hempels erstem Band „Reasons to Live“ von 1985, der jetzt in Steffen Meschs deutscher Übersetzung erscheint und schon die ganze Hempel und alle Hempel-Themen zeigt: den Tod (als nicht zu verarbeitende Größe), die existenzielle Unsicherheit (und Unzuverlässigkeit) des Menschen und die reine, zuverlässige Liebe des Tiers. „Was uns treibt“ (Luxbooks, 14,90 Euro) ist aber auch ein Kalifornien-Buch: Dass der Schmerz in einer so schönen Landschaft zu Hause sein kann, gehört zu den Unfassbarkeiten, über die dieser Band nicht hinwegkommt. Hempel, 1951 in Chicago geboren, kam, nachdem sie Mutter und Tante durch Suizid verloren hatte, nach San Francisco; und auch wenn man das nicht wissen muss, um diese Geschichten zu lesen; wenn man es weiß, hört man es in jeder einzelnen durch. Immer wieder bebt die Erde, und beinahe jeder der stets namenlosen Erzähler scheint an seinem persönlichen San-Andreas-Graben zu stehen. „Reasons to Live“, Gründe zu leben: Schon der Titel ist aus Skepsis und Widerspruch gemacht und – zum zweiten Mal darüber nachgedacht – wahrscheinlich böse.

„Erzähl mir Dinge, die ich danach wieder ohne Reue vergessen kann“, beginnt „Der Friedhof, auf dem Al Jolson begraben liegt“, aber das glatte Gegenteil ist richtig: Die beste Freundin hat Leukämie, und die Erzählerin verlässt sie, als es ans Sterben geht – erzählt also von etwas, dass sie vor lauter Reue nicht vergessen kann. „Die übrigen Maschen zusammenstricken“, endet „Anf, Zus, Zun, Wei, Wie“, die teils im Kauderwelsch einer Strickanleitung geschriebene Erzählung einer Abtreibung, aber natürlich hat Amy Hempel in ihrem ganzen Leben kein Strickmuster benutzt. Jedenfalls nicht zum Schreiben.