Tournee

Sein Abschied, vorletzter Teil

Fast sein letztes Berlin-Konzert: Der Graf geht und das Publikum wird wehmütig

Schlangen. Überall Schlangen. Schlangen vor der Halle, vor den Getränkeständen, vor den Toiletten. Dabei ist es noch nicht mal 19 Uhr. Doch die Max-Schmeling-Halle ist bereits bis unters Dach ausverkauft. Rund 10.000 Fans haben sich am Donnerstagabend in den Prenzlauer Berg aufgemacht, vom quirligen Kleinkind bis zum rüstigen Greis, um Unheilig sozusagen die letzte Ehre zu erweisen. Denn die Band um den Sänger, der sich nur Der Graf nennt, ist auf großer Abschiedstournee.

Wenn’s am schönsten sei, solle man aufhören, hat Der Graf Ende vergangenen Jahres in einem offenen Brief auf seiner Webseite verkündet. „In mir reifte der Entschluss, musikalisch Abschied zu nehmen“, heißt es da. „Und auf der anderen Seite ist es Zeit für mich, dass ich meiner Familie einen Teil des Glücks zurückgeben möchte, welches ich durch sie erleben durfte.“

Leichtgängige Songs

Noch aber zieht die Truppe mit dem kahlköpfigen Anführer in Gehrock und Krawatte durch ausverkaufte Hallen der Republik. Schließlich gilt es das neue und wohl auch letzte Unheilig-Album „Gipfelstürmer“ zu zelebrieren, das auf Leinwänden links und rechts der Bühne ebenso wie die zahlreichen Merchandise-Artikel beworben wird wie beim Teleshopping. Das allerletzte Unheilig-Konzert überhaupt soll am 10. September 2016 im Kölner Rhein Energie Stadion stattfinden.

Die Berliner Band Bollmer als erste Vorgruppe hat die Instrumente schon wieder eingepackt. Der Abend hatte familienfreundlich früh bereits um 18.20 Uhr begonnen. Als zweite Anheizer stehen die Breitwand-Rocker A Life Divided aus Oberbayern auf dem Programm. Zeit für ein zum Feiern entschlossenes Publikum, sich einzustimmen auf einen Konsensmusiker, der es in seiner 15 Jahre währenden Karriere geschafft hat, Generationen für sich einzunehmen. Und zwar Grufties wie Schlagerfans gleichermaßen.

Bereits 1999 hat Der Graf in Aachen seine Formation Unheilig gegründet, die damals noch einen düster-elektronischen Gothic-Rock spielte. Es dauerte fünf Platten und gute zehn Jahre, bevor Unheilig mit dem Album „Große Freiheit“ und dem Hit „Geboren um zu leben“ in den Mainstream schossen. Der Sound war geglättet, die Songs leichtgängig, die Texte von breitenwirksamer Pop-Poesie. Der Graf wurde zum erfolgreichsten Sänger Deutschlands. Er hat in den letzten fünf Jahren so ziemlich alles vom Bambi über den Echo bis zur Goldenen Kamera abgeräumt. Seine Alben standen konsequent auf Platz 1 der Charts.

Der Graf steht im Zenit seiner Karriere. Und genau das, so findet er, sei der richtige Zeitpunkt, um Lebewohl zu sagen. Ob das Publikum in der Schmeling-Halle das genauso sieht, ist eher zu bezweifeln. Schlag 20 Uhr beginnt die Show mit dem fauchenden Getöse einer Dampflok. Warum aber zunächst erst Marlene Dietrichs „Sag mir wo die Blumen sind?“ und dann Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ in voller Länge in der Dunkelheit abgespielt werden, weiß nur der Graf allein. Bei der Knef kommen die ersten lautstarken Buhs und Pfiffe.

Ist aber schnell vergessen, als Nebel und gleißendes Licht das Spielfeld samt Laufsteg erhellen und die drei Musiker an Keyboards, Gitarre und Schlagzeug zur Ouvertüre „Der Berg“ anheben. Links und rechts leuchten gewaltige Kerzenständer, inmitten der Bühne steht tatsächlich eine ausgewachsene Dampflok, die die Besucher auf eine imaginäre Reise hoch auf die Berge und bis in die Wolken entführen soll. Als der Graf „Hinunter bis auf eins“ anzählt, ist die ganze Halle bereits aus dem Häuschen. Der Mann kann stolz sein auf sein Publikum.

Roland Kaiser trifft Rammstein

Der Graf schwelgt in „Dem Himmel so nah“, brettert tiefstimmig durch „Wir sind die Gipfelstürmer“, singt gefühlig und nur zur Pianobegleitung „Zwischen Licht und Schatten“. Er romantisiert die „guten alten Zeiten“ und zählt „Die Weisheiten des Lebens“ auf. Ein Unheilig-Konzert ist ein Wechselbad der Stile, da verbinden sich Gothic und Pop, Rock und Schlager, Chanson und Schnulze zu einem höchst eigenwilligen Gebräu. Das klingt mitunter so, als würden Roland Kaiser und Rammstein bei Carmen Nebel ein gemeinsames Tänzchen wagen. Im hinteren Teil der Halle sieht man tatsächlich Pärchen Foxtrott tanzen. Der Graf und sein Publikum verstehen sich wie gute alte Freunde. Er muss nur „Dankeschööön!“ ins Auditorium rufen, schon hallt ein tausendstimmiges „Bitteschööön!“ zurück. Er begrüßt Kinder und Eltern in der ersten Reihe, freut sich über die vielen lächelnden Gesichter. Er ruft nur „Ihr seid der…“ und als Antwort schallt ihm „Wahnsinn!“ entgegen. Warum bloß will er so etwas künftig missen?

Immer wieder sieht man ihn in Videos auf den Leinwänden, wie er mit skeptisch-grüblerischem Blick in die Ferne stiert oder über Wiesen und Berge streift. Gute zwei Stunden schürt Der Graf, der seinen wahren Namen partout nicht preisgeben will, Gefühle und Emotionen mit einer Musik, die manch einer auch als furchtbar platt, rührselig und pathetisch empfinden kann. Aber nicht hier, nicht in dieser glücklich tobenden Max-Schmeling-Halle, die beim Hit „Geboren um zu leben“, der das Programm beendet, zu einem einzigen, großen Chor wird.

Im Zugabenteil wird dann tatsächlich mit dem Abschiednehmen begonnen. „Zeit zu gehen“ heißt das letzte Stück des Abends. „Es ist Zeit zu gehen, wir danken Euch für all die Jahre“, singt er da, „auch wenn es weh tut, ist es Zeit für uns zu gehen, wenn es am schönsten ist.“ Er meint es offensichtlich ernst. Aber noch nicht so ganz. Am 23. Oktober kehrt Unheilig noch einmal zurück in die Mehrzweckhalle in Friedrichshain, zum dann aber wirklich letzten Berlin-Konzert. Seine Fan-Familie vermisst ihn wahrscheinlich jetzt schon.