Präsidentschaft

„Wir wählen nur Frauen“

Präsident Klaus Staeck hat drei Amtszeiten hinter sich. Heute wählt sich die Akademie der Künste eine neue Leitung

Auf ihrer Frühjahrstagung an diesem Wochenende wird die Akademie der Künste ihren neuen Präsidenten wählen. Für den Satiriker und Plakatkünstler Klaus Staeck, 77, heißt es nun Abschied nehmen nach neun Jahren im Amt. Mit ihm geht auch Nele Hertling, 81, seine bestens vernetzte Vizepräsidentin, die viel für die Kontakte innerhalb der Akademie getan hat. Die Satzung verbietet beiden eine vierte Amtszeit. Außerdem werden die Direktorenposten in den sechs Sektionen von Literatur über Musik bis Film neu vergeben. Sie bilden gemeinsam mit dem Präsidentschaftsduo den Senat der Akademie. Doch wie immer, wenn der Weg zur Urne ansteht, wiegen sich die Mitglieder in Schweigen, dennoch gibt es Gerüchte um die Kandidatur. Vier Dinge, die Sie wissen sollten.

Wahl Genau wie bei den Philharmonikern ist die Wahl geheim, der Ort allerdings ist bekannt. Gewählt wird im Plenarsaal in der Akademie am Pariser Platz. Weißen Rauch wie im Vatikan nach der Papstwahl gibt es nicht, das Prozedere ist nüchtern, beschränkt sich auf die Bekanntgabe am Sonnabend. Am Sonntagfrüh wird sich der oder die neue Präsident/in dann der Öffentlichkeit vorstellen. Die Amtszeit dauert dann drei Jahre. Die Wahlbeteiligung sei laut Anmeldung „gut“, vermeldet Klaus Staeck. Es gäbe ein Maximum, das läge bei einem Drittel. Die Wahl ist anerkannt, wenn mindestens ein Sechstel der Akademiemitglieder anwesend ist. Kandidieren und wählen kann jeder aus dem Kreis der derzeit 404 Mitglieder, darunter bekannte Namen wie Wolfgang Rihm, Tom Tykwer und Bob Dylan, sie sind auf Lebenszeit gewählt. Viele Mitglieder, wie die Schauspielerin Inge Keller, 91, sind betagt, und werden wahrscheinlich gar nicht wählen. Und Ai Weiwei ist auch nicht dabei, er darf nicht reisen, weil er keinen Pass besitzt. Die chinesische Regierung drangsaliert ihn bis heute. Normalerweise ist es so, dass sich vor der Wahl einige Mitglieder treffen, um zu diskutieren. Prognosen aber sind sinnlos: „Ich habe drei oder vier Wahlen mitgemacht, aber jedes Mal wurde es eine Überraschung, in welche Richtung es ging“, erzählt Vizepräsidentin Nele Hertling.

Frauenpower Klaus Staeck, der überzeugte Sozialdemokrat, hat da einen besonderen Wunsch, dass endlich mal eine Frau an die Spitze tritt. „Das wird manchen auch wieder nicht gefallen“, meint er. Die Institution funktioniert qua Geschichte patriarchisch und ist männerlastig. Jung ist ein Präsident in der Regel auch nicht, es zählt „künstlerische Verlässlichkeit“, quasi als Lebensleistung. Seit sich die Akademie Ost und West 1993 vereinigte, standen ihr Adolf Muschg, György Konrád, Walter Jens vor. Auch die Liste vor 1993 lässt sich endlos verlängern mit großen Vorgängern wie Grass, Scharoun und Liebermann. Auch bei den Mitgliedern sind die Männer noch in der Überzahl. Es gab im vorigen Jahr die Sektion Film- und Medienkunst, dort sind einige Frauen vertreten, die schrieben sich auf die Fahnen: „Wir wählen nur Frauen“. Dieses Jahr könnte es klappen. Zwei Namen kursieren: die 71-jährige deutsch-argentinische Filmemacherin Jeanine Meerapfel („Der deutsche Freund“) und als Vize die Schriftstellerin Kathrin Röggla (43, „Wir schlafen nicht“). Beide haben sich bereit erklärt.

Bob Dylan Es gibt jede Menge gute Gründe, warum ein Künstler nicht kandidieren will. Die Akademie ist ein Zeitfresser, die Bürokratie nicht zu unterschätzen. Senatssitzungen, oberstes Entscheidungsgremium der Adk, interne Programmsitzungen, Verwaltungsratssitzungen, die Eröffnung von Veranstaltungen sind da noch das Schönste. Für künstlerische Arbeit bleibt wenig Freiraum. Bob Dylan hat irgendwann Wim Wenders als Präsidenten vorgeschlagen, tolle Idee. Doch der Regisseur ist Präsident der Europäischen Filmakademie, da hat er ohnehin genug Arbeit.

Staeck selbst hat zig Leute gefragt, nur einer konnte sich das wohl vorstellen. Und reich wird man auch nicht durch den Job – es ist ein Ehrenamt. „Komische Konstruktion“, sagt Staeck. „Beschwerden, Klagen – alles läuft über den Präsidenten.“ Für ihn sei das wie eine „Diplomatenprüfung“ gewesen, die Belastung „immens“. Besonders der Anfang 2006 war tückisch. Nach Adolf Muschgs Donnergesang war die Akademie innerlich zerfasert, unbeweglich und mit nur wenig Außenwirkung. „Schiff unter“, nennt Staeck das im Rückblick, doch Empfindlichkeit ist geblieben. „Man muss schon bösartig sein“, findet er, „wenn man meint, es hätte sich nichts geändert.“

Kommunikation Wenn der Künstler Klaus Staeck nun als Präsident aufhört, hinterlässt er ein geordnetes, offenes Haus. Wenn er spricht, vermarktet er nicht nur sich selbst, sondern im gleichen Atemzug auch die Akademie. Sie ist mehr als ein „intellektuelles Wärmestübchen“, geweitet für kulturpolitische Debatten, Staeck initiierte Akademie-Gespräche zu Themen wie „Rechte Gewalt“, „Das System Google“ oder „Wie wollen wir sterben“. Egal ob Künstlersozialversicherung, Digitalisierung oder Wahlverhalten – Staeck war für jedes Interview mit markigen Sprüchen zu haben. Wichtig ist ihm, sich für verfolgte Künstler wie den ukrainischen Filmemacher Oleg Senzow einzusetzen, der in Moskau inhaftiert ist. Staeck schrieb einen Brief ins Gefängnis. Daraufhin erhielt er eine Nachricht – vom Geheimdienst.

Kommunikationsfähigkeit und politisches Fingerspitzengefühl sollte sein Nachfolger mitbringen. „Wir haben die Chance, dass wir mit der Stimme einer nationalen Institution reden. Unsere Stimme zählt. Das darf man nicht verspielen“, meint Staeck. „Wir werden nur überleben, wenn wir den Eindruck hinterlassen, dass die Akademie gebraucht wird.“ Selbstzufriedenheit sieht er als Gefahr, Einmischung sei die erste Bürgerpflicht. Daran hat er sich bis jetzt gehalten. „Ich bin jemand, der die Demokratie ernst nimmt.“ Draußen an der Fassade des Gebäudes am Pariser Platz ist ein Band: „Nichts ist erledigt“ steht darauf.