Klassik-Kritik

Ein junger Dirigent zwischen Akribie und Klangschönheit

David Afkham debütiert bei der Staatskapelle Berlin

David Afkham gibt sein Debüt bei der Staatskapelle Berlin. In den vergangenen drei Jahren war der junge Dirigent bereits mehrmals in Berlin – beim Deutschen Symphonie-Orchester sowie der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker – zu erleben, nun konzertierte er mit Barenboims Orchester in der Philharmonie und im Konzerthaus. Es ist eine durch Musikhochschulen, dem Deutschem Musikrat, dem Dirigentenforum und dem Dirigier-Award der Salzburger Festspiele bestens vorbereitete Karriere, die in der kommenden Spielzeit in die Position des Chefdirigenten beim Orquestra Nacional de España mündet. Dass der junge Mann dabei einen dezidiert deutschen Dirigierstil vertritt, ist unüberhörbar. Sein Personalstil zeichnet den 1983 in Freiburg Geborenen als verantwortungsbewussten musikalischen Geist aus. Wie gründlich sich Afkham auf seine Stücke vorbereitet, sieht man an den eher sparsamen als extrovertierten Bewegungen: Es ist eine fast ideale Balance aus dirigentischem Zeigen und konzentriertem Hineinhorchen in den Orchesterapparat.

Gerade für die Erarbeitung Neuer Musik in einem traditionellen Orchesterapparat – hier „Verwandlung 3“, eine „Musik für Orchester“ von Wolfgang Rihm – scheint Afkhams dirigentische Haltung die beste zu sein. Rihm setzt auf den übergangslosen Fluss der musikalischen Ereignisse, im Konzerthaus wird dies alles umhüllt vom bedingungslosen Schönklang der Staatskapelle, die für ihre eigene Homogenität durchaus keinen Aufpasser braucht, umso mehr jedoch, um das Bewusstsein für diesen Fluss zu stärken. Als Begleiter des Pianisten Saleem Ashkar in Beethovens Viertem Klavierkonzert zieht sich Afkham angemessen auf die Aufgabe kapellmeisterlicher Pünktlichkeit zurück – der lyrisch-ernste Ausdruck dieses Werkes wird von dem formidablen Klaviersolisten gestaltet. Beethovens Musik balanciert in diesem Werk spielerisch zwischen zweifelnder Nachdenklichkeit und unbeschwerter Virtuosität, und Ashkar stellt diese Balance ebenso spielerisch wie klangschön her.

Schostakowitschs Zehnte Sinfonie ist ein Wechselbad der Stimmungen: Die kurz nach Stalins Tod 1953 vollendete Sinfonie enthält die Kränkung über einstige Demütigungen ebenso wie den herausgeschrienen Triumph, die Trauer über die Opfer ebenso wie die Sehnsucht nach Freiheit. Die Aufführung ist achtbar, doch David Afkham müsste stärker und spontaner den Wechsel der Charaktere in seiner dirigentischen Haltung verkörpern – das minutiöse Ausdirigieren der Partitur wird dem hier agierenden Spitzenorchester nicht ganz gerecht.