Personalien

Die nächste Generation

Jung, offen, begabt: Der Dirigent Yannick Nézet-Séguin wäre eine gute Wahl für die Berliner Philharmoniker

Diesen Namen muss man erst mal lesen und aussprechen lernen: Yannick Nézet-Séguin. Aber wenn man ihn kann, dann vergisst man ihn auch nicht so schnell – Vorteil Nummer eins. Und er lässt sich so schön auf „Yannick“ reduzieren – Vorteil Nummer zwei. „Yannick“ – das steht für „besonders“, „hell“, „dynamisch“, „kurz und prägnant“. Das und noch viel mehr ist eben auch dieser Yannick Nézet-Séguin, gerade 40 geworden, Franko-Kanadier (polyglotter Vorteil Nummer drei) mit bretonischen Vorfahren, kompakt, vital, wach, ohne hibbelig zu wirken.

Seit drei Jahren ist dieser Mann nun Chef des 1900 gegründeten Philadelphia Orchestra, einem der etwas in die Jahre gekommenen Klangleuchttürme der amerikanischen Hochkultur in der mit 1,5 Millionen Einwohner fünfgrößten Stadt und „Wiege der Freiheit“ der USA. Seit 2006 leitet er zudem das Rotterdam Philharmonic Orchestra und noch sechs Jahre länger in Montréal das zweite Orchester seiner Heimatstadt, das Orchestre Metropolitain. Dort spielt sein Partner Pierre Tourville zweite Geige und führt den Chor.

Fokussiert oder überbeschäftigt

Außerdem hat Yannick Nézet-Séguin feste Dirigierbeziehungen nach London, zu den Berliner und Wiener Philharmonikern, zum Chamber Orchestra of Europe, an die Metropolitan Opera und die Wiener Staatsoper. Ja, eine deutsche Affäre gibt es auch, mit dem Konzerthaus Dortmund, wo er mehrmals im Jahr mit einem seiner Ensembles aufschlägt. Und drei Katzen hat er zudem.

Man kann Yannick Nézet-Séguin überbeschäftigt nennen – oder sehr fokussiert. Er selbst sagt, entspannt zurückgelehnt auf der bereiten Couch im kürzlich neugestalteten Maestro-Zimmer der New Yorker Carnegie Hall: „Ich bin ein sehr loyaler Mensch. Deswegen haben Pierre und ich auch drei Appartements in Montréal, Philadelphia und Rotterdam. Das ist durchaus als Statement zu verstehen. Und Letzteres werden wir auch halten, wenn ich ab 2017 in Rotterdam als Chef aufhöre, denn ich werde dort weiterhin dirigieren und Zeit verbringen.“

Damit erübrigt sich auch die Frage, ob Yannick Nézet-Séguin am 11. Mai auf einen Anruf aus Berlin gewartet habe. Denn er war mit drauf auf dem Kandidatenkarussell der Philharmoniker, wenn auch nicht in der Pole Position. „Natürlich habe ich öfter geschaut, ob da was auf der Mailbox ist“, feixt er und zieht die Augenbrauen in seinem offenen, meist verschmitzt blickenden Gesicht unter den raspelkurzen, schütter werdenden Haaren nach oben. „Aber ich weiß auch, was ich dann gesagt hätte.“ Das freilich sagt er nicht, denn er ist Diplomat. Aber er führt weiter aus: „Natürlich habe ich nicht ohne Grund meinen Vertrag in Philadelphia kürzlich bis 2022 verlängert.“

„Wir“, das ist vor allem die disziplinierte, durchaus mamihafte Managerin Allison Vulgamore. Die ließ 2011, kurz nachdem sie das Philadelphia Orchestra übernommen hatte, den klammen Klangkörper, dem nach dem Börsencrash die Aktienrücklagen weggeschmolzen waren, für bankrott erklären und unter Gläubigerschutz stellen. Trotzdem schaffte sie es, einen der auch damals schon gefragtesten Nachwuchsdirigenten der Welt als achten Chef an den Delaware River zu ziehen, ja diesen lieben zu lernen. Und Vulgamore ist es auch, die auf die gleichfalls gestellte Frage nach dem 11. Mai erst mal lange überlegen muss, was da war, dann kurz auflacht und die Angelegenheit wegwischt. An ihrem Horizont kommen die Berliner als einer der Abenteuerspielplätze ihres Yannick vor – freilich als eines immer attraktiveren, allein nächste Spielzeit absolviert er dort drei Programme in insgesamt acht Konzerten –, und Berlin ist für Vulgamore jetzt vor allem eine von zehn Tourneestationen mit 14 Konzerten auf ihrer dreiwöchigen ersten gemeinsamen Reise nach Europa.

Heimatliche Touren sind toll, Asien ist wichtig, vor allem nach China hat das Orchester seit seiner legendären Reise mit Präsident Nixon 1973 gute und lukrative Beziehungen, aber eine Europafahrt mit dem neuen, strahlenden, von allem umschwärmten Chef, das ist jetzt – vorerst – die Krönung dieser dreijährigen Leidenschaft, die man durchaus Liebe nennen kann. Auch von Seiten des Publikums. „Ich wusste gleich, als ich hier das erste Mal dirigierte, dieser Klang ist etwas Besonderes, daran möchte ich feilen, ihn formen, ausgestalten, verfeinern“, erklärt Nézet-Séguin.

Er kann in griffigen Bildern sprechen, vor allem: Er kann sprechen. Auch damit ist dieser Yannick, der mal im Pullover, mal im himmelblauen Sommerjackett in der neuen Saison-Broschüre als Eycatcher in den Blickwinkel gestellt wird, einer der profilierteren Vertreter seiner Dirigentengeneration. Die sind ja sowieso erst ab 60 richtig gut. Nézet-Séguin beginnt also gerade mit der Ernte. Und er genießt das. Deshalb kann Berlin ruhig noch eine Weile warten.

15 Jahre als professioneller Orchesterchef haben sich ausgezahlt. Das Standardrepertoire ist ausgelotet, interpretatorische Duftmarken sind hinterlassen. Sein Zugriff ist stets ein energetischer, trotzdem reflektierter. „Ich mag es gerne schnell“, flachst er, „manchmal auch zu schnell, wie bei meiner Schumann-Sinfonien-Einspielung, da hatten wir nur wenig Aufnahmezeit, das finde ich jetzt selbst verhetzt. Anderseits, warum nicht mal auf der Überholspur?“ Er liebt, Ehrensache, die französische Musik, weiß, dass er sich als Zeitgenosse noch stärker mit moderner Musik profilieren sollte.

Als Kompositionsauftrag im Tourneegepäck hat man das eben uraufgeführte „Mixed Messages“ des 34-jährigen Amerikaners Nico Muhly, der in den Staaten sehr angesagt ist. Der 12-Minüter rattert ohne viel Aufhebens vorbei. Mehr von Jörg Widmann spielen, eine Beziehung mit ihm haben möchte Yanick Nézet-Séguin. Das wollen sie doch alle.

Der Dirigent sticht Netrebko aus

Nézet-Séguin, der meist in leicht angeglitzerten Abendanzügen antritt, kann souverän, locker, aber auch bestimmt mit den Musikern – das spürt man bei der aufgeräumten Anspielprobe in der Carnegie Hall sofort. Er begegnet Journalisten wie Publikum auf Augenhöhe, ist konzentriert, immer kommunikationsbereit. Er spricht direkt und klug. Jeder Graben schüttet sich vor ihm automatisch zu. Kein Maestro, ein Macher. Man merkte das schon 2008, als er in Salzburg in Gounods „Roméo et Juliette“ seinen vielbeachteten Durchbruch erlebte. Nicht unbedingt als Dirigentenoper beliebt, im Fokus wegen Anna Netrebko und Rolando Villazón – und trotzdem war der Dirigent sofort das Pausengespräch.

Yannick Nézet-Séguin hat eigentlich alles, was sich heute ein Marketingstratege für die Klassik wünschen kann. Er ist begabt, belastbar, willig, unkompliziert. Immer glaubwürdig. Er ist auch einer der wenigen offenen schwulen Dirigenten. Es scheint, als ob sich die Berliner auf diesen Dirigenten noch etwas gedulden müssen. Wenn sie denn wollen. Aber Vorfreude auf Yannick Nézet-Séguin kann sich ja lohnen.

Konzert Yannick Nézet-Séguin gastiert heute mit dem Philadelphia Orchestra im Konzerthaus Berlin (20 Uhr)

Waldbühne Am 26. Juni (20 Uhr) wird er erstmals die Berliner Philharmoniker bei deren Saisonabschlusskonzert in der Waldbühne dirigieren.