Klassik-Kritik

Kammermusiker schlagen Brücken in die Moderne

Spectrum Concerts kombiniert geschickt alte und neue Werke

Wer einen der handverlesenen, nur ein paar Mal pro Spielzeit stattfindenden Kammermusik-Abende der Reihe Spectrum Concerts im Kammermusiksaal der Philharmonie besucht, dem wird bewusst: Trotz der unerhörten Vielfalt klassischer Musiker, die tagaus tagein in Berlin auftreten, ist ein Großteil des Programms von immer den gleichen klassisch-romantischen Meistern geprägt. Spectrum Concerts war seit der Gründung durch den US-amerikanischen Cellisten Frank Dodge immer schon anders gedacht und anders organisiert: als Brückenschlag zwischen überzeugten Kammermusikern diesseits und jenseits des Atlantiks, als Brückenschlag zwischen ausgewählten Stücken des großen Kammermusik-Repertoires und handverlesenen zeitgenössischen Komponisten. Es ist ein unglaubliches Verdienst, wenn ein Einzelner es schafft, gegen den reißenden Klassik-Mainstream anzuschwimmen.

Für das Publikum lohnt es sich. Wann hört man Claude Debussys „En blanc et noir“ („In hell und dunkel“) für zwei Klaviere aus dem Weltkriegsjahr 1915 – noch dazu im Anschluss ein Stück, das über diesen späten, verstörten und verstörenden Debussy im Nachhinein Aufschluss zu geben scheint: „Figures de Résonances“ von Henri Dutillieux, 55 Jahre später komponiert? Robert Levin und Ya-Fei Chuang spielen das an gegenüber aufgestellten Instrumenten, haben Klang- und Motivablösungen zwischen ihren Parts genau ausgehört.

Und so wird jeder Klang einzeln und ohne Attitüde sachlich auf die Probe gestellt – mit duftigem Impressionismus hat dieser Debussy nichts zu tun, das Stück könnte mit seinen eingewobenen Walzer-Paraphrasen und Marsch-Andeutungen, auf kaum noch traditionell harmonischem Grund stehend, fast auch 30 Jahre später komponiert sein, als experimentelle Avantgarde. Dutillieux’ miniaturhafte Studien über den Klavierklang gewinnen ihre Dramaturgie nicht aus musikfremden Gedanken. Die obsessive Konzentration auf Klänge kann in unserer vielfältig zerstreuenden Alltagswelt so etwas wie Lebenshilfe sein.

Die für Maurice Ravels Klaviertrio von 1914 hinzutretenden Musiker Marianne Thorsen, Violine, und Jens Peter Maintz, Violoncello, begeistern ebenfalls durch die inspirierte klangliche Abstimmung ihrer Instrumente und durch ihr trotz aller klanglichen Weichheit flexibel reagierendes Spiel. Klingt Ravel an diesem Abend eher wie Musik des romantischen Jahrhunderts als wie solche der epochalen Zeitenwende um 1914, so macht der nach der Pause mit seinem Klavierquartett in g-moll von 1884 in Erscheinung tretende Gabriel Fauré in der Werk-Kombination dieses Abends einen höchst modernen Eindruck. Auch dies ist ein Verdienst des Spectrum-Concerts-Gründer Frank Dodge: Selbst altbekannte Musik kann völlig neu klingen, wenn man um sie herum Ungewohntes gruppiert.