TV-Kritik

Und plötzlich kann sie nur noch die Wahrheit sagen

Ein Sat.1-Film spielt mit dem Experiment Ehrlichkeit

Jeder Mensch schummelt sich mitunter mit kleinen Lügen durch den Alltag. Doch was wäre, wenn all die höflichen Schwindeleien wegfielen? Und auch die großen Lebenslügen ans Licht kämen? Ganz neu ist dieses Gedankenspiel als Basis für einen Film nicht. Bereits 1997 konnte Jim Carrey nur noch die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen. Wesentlich weniger überdreht widmet sich nun der Sat.1-Film „Zum Teufel mit der Wahrheit“ dem Experiment Ehrlichkeit. Und das überraschend gut für eine Dienstagabendunterhaltung. Leicht, flott und böse kommen die 90 Minuten in der Regie von Granz Henman daher. Da hätte der Pressetext gar nicht so sehr mit Floskeln wie „Lügen haben schöne Beine“ operieren müssen, um Bettina Zimmermann anzupreisen. Die Komödie ist zwar nicht frei von Klischees, will diese aber eher enttarnen und widerlegen als zementieren.

Zu Beginn werden die Charaktere eingeführt mit ihrer jeweils schönsten Lüge. „Ja, ich habe meine Frau betrogen, aber es war eigentlich ihre Schuld, ich konnte nichts dafür“, sagt Michael, den Christoph M. Orth charmant als liebenswertes Schlitzohr gibt. Die von ihm gehörnte Kathrin (Bettina Zimmermann) hat sich mit Luca (Eugen Bauder) einen jüngeren Liebhaber gesucht. Die Eifersucht des Ex ist ihr ebenso sicher wie der Neid der Freundinnen. Zugleich hadert Fernsehjournalistin Kathrin genregerecht mit den ersten Falten. So weit, so stereotyp. Bis die Ehrlichkeit einsetzt.

Wegen eines hartnäckigen Juckreizes am Arm (ein Ausschlag, herzförmig!) geht Kathrin zu einer chinesischen Heilerin, die eine Tinktur auf die Zunge träufelt. Klingt hanebüchen. Ist es auch. Wird aber mit so viel Lakonie transportiert, dass die Sequenz wie eine Satire auf filmische Verwandlungsszenen wirkt. Überhaupt fällt bei dieser Produktion positiv auf, wie verknappt manche Handlungsstränge erzählt werden. Da wird kein Erklärbär übergroß durch die Dramaturgie geschickt. Was die Tropfen bewirken, wird ohnehin bald überdeutlich. Wenn Kathrin etwa auf die Frage „Wie geht’s“ schon mal ausplaudert, dass es mit dem Orgasmus nicht so recht klappen will. Klar, das ist zotig. Aber wenigstens nicht biedermeierlich heile-Welt-verschnarcht. Und unter der klamaukigen Ebene brodelt doch die grundlegende Frage, wie viel Ehrlichkeit der Mensch aushalten kann. Nach und nach zeigt sich: Die Ehrlichkeit mag anfangs brüskieren, schafft aber langfristig Vertrauen. Zu anderen. Und zu sich selbst.

Zum Teufel mit der Wahrheit Sat.1, heute, 20.15 Uhr