Bühne

Verneigung vor einem Lebenswerk

Frank Castorf hat es nach 30 Jahren noch mal geschafft, verboten zu werden. Mit seinem „Baal“ geht das Berliner Theatertreffen zu Ende

Was für ein Spektakel! Das Theatertreffen setzt die allerletzte „Baal“-Vorstellung von Frank Castorfs Inszenierung auf den allerletzten Festivaltag – und ganz Theater-Berlin strömt herbei: Intendantenkollegen wie Shermin Langhoff und Thomas Ostermeier, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner, Kritiker und Kartensucher. Eine Chance gibt es sogar: Vor dem Haus der Berliner Festspiele wird die allerallerallerletzte „Baal“-Karte versteigert. Dahinter steckt der feine, subversive Festival-Blog – die 135 Euro, die ein älterer Herr dafür auszugeben bereit ist, spenden sie an die Brecht-Erben, zur Wahrung der Werktreue. Alle leer Ausgegangenen können im Foyer die Live-Übertragung aus dem Saal verfolgen.

Blutige Spuren der Weltgeschichte

Die Brecht-Erben sind auch der Grund für den „Baal“-Hype: Sie hatten über den Suhrkamp-Theaterverlag erwirkt, dass Castorfs Inszenierung am Münchner Residenztheater abgesetzt werden muss, weil sie eine „nicht autorisierte Bearbeitung des Stückes“ darstellte – wegen der vielen Fremdtexte. Der Kompromiss nach einem Verhandlungsmarathon vor dem Landgericht München, der mit sechs Stunden und ziemlich chaotischen Auftritten selbst einer Castorf-Inszenierung glich: Die Inszenierung durfte noch zwei Mal gezeigt werden, einmal in München, einmal in Berlin.

Nach der Theatertreffen-Vorstellung wirkte Castorf eigentlich ganz gut gelaunt, schließlich hat er es geschafft, nach 30 Jahren wieder verboten zu werden. Auch beim letzten Mal ging es um eine Brecht-Inszenierung, „Trommeln in der Nacht“ in Anklam, untersagt von der DDR-Führung. Damals war Barbara Brecht noch auf Castorfs Seite. Formaljuristisch sei das Verbot ja richtig, gibt Castorf zu. Aber: „Brecht selbst hat am Ende gesagt: Dem Stück fehlt Weisheit. Das habe ich als Auftrag zu ernst genommen.“

Die Geschichte vom maßlosen Dichter, der sich außerhalb der Gesellschaft stellt, säuft, hurt, mordet, stammt von 1922 – eine eher lose Szenenfolge, die der Autor selbst mehrfach bearbeitete. Und ordentlich Vorbilder einfließen ließ: das vagabundierende Dichterpaar Paul Verlaine und Arthur Rimbaud etwa. Deswegen knutschen und grabbeln Aurel Mantheis Baal und Frank Pätzolds Ekart ständig, gern auch zu dritt mit Andrea Wenzls Sophie.

Aber Castorf spürt nicht nur den Vorlagen nach, sondern auch den Verlängerungen des Stoffs in die Gegenwart: In Baals obsessiver Genuss- und Ich-Sucht sieht er die blutigen Spuren der Weltgeschichte, die zerrüttete Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg findet er im Vietcong wieder, weshalb ganze Szenen aus Francis Ford Coppolas Vietnam-Filmklassiker „Apocalypse Now“ nachgespielt werden. Gern als szenische Doppelung, weil die Münchner Schauspieler ziemlich grob in die Filmbilder hineingeschnitten sind. Dazu trällert eine Sängerin „Madama Butterfly“, wabern Räucherstäbchenschwaden, prasselt der Regen als Soundkulisse.

Natürlich ist Castorfs Inszenierung mal wieder eine große Überforderungsshow auf Aleksandar Denics herrlicher Drehbühne, wo ein echter Militärhelikopter, ein Boot, ein chinesisches Tempelchen, ein Laden, ein Pool und eine luxuriöse Tafel auf zwei Ebenen ineinander verschränkt sind. Ebenso verschränkt wie die Texte – hier ein paar Zeilen Brecht, dann Filmdialoge, Sartre, Baudelaire und andere, mal mehr, mal weniger verständlich. Es ist das übliche Geschreie und Gekreische, Gerammel und Geringe, wie wir es aus Berlin kennen – schlechter (wie neulich in „Kaputt“), aber auch viel, viel besser. Oft hat man das Gefühl, als hätte man das alles schon einmal gesehen. Aber damals waren das Kathrin Angerer, Sophie Rois und Henry Hübchen – und die Höhepunkte zwischen den Ödnis-Strecken doch noch schillernder. Nicht, dass die Münchner sich nicht mit Vollgas in ihre Brüllorgien und High-Heels-Rennereien hineinsteigern würden. Aber so richtig kommen ihre Feuerwerke nicht an gegen das zähe Tohuwabohu auf der Bühne.

Immerhin, wir lernen: „Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.“ Am witzigsten sind die vielen Dernière-Gags. Einmal wird Brechts „Dreigroschenoper“ zitiert, die 1928 am Theater im Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, „wo jetzt unser geliebter Freund Claus residiert, und jetzt soll er in Rente, und nicht nur er! Man will sie morden, die alten Säcke!“ Beim Satz, dass es Menschen geben müsse, die gegen Windmühlen kämpfen, prasselt es Szenenapplaus.

Der Übervater der Theaterszene

Trotz all seinen Schwächen zeigt der Abend beeindruckend, wie sehr Castorf der Über(groß)vater der aktuellen Theaterszene ist. In seinem „Baal“ kulminieren noch einmal zahlreiche Themen und ästhetischen Fragestellungen vieler der anderen eingeladenen Abende: Rassismus und Postkolonialismus, Vergangenheitsbewältigung, Crossover (hier: zu Film und Oper), Dekonstruktion. Den leidenschaftlichen Schlussapplaus nach viereinhalb Stunden lässt sich deshalb auch als Verneigung vor einem Lebenswerk lesen.

Abende wie Nicolas Stemanns „Die Schutzbefohlenen“ wären ohne Castorf nicht möglich, und es war schon beeindruckend zu sehen, auf wie unterschiedliche Weise die Enkel-Generation sein Erbe weiterdenkt: Christopher Rüping spielerisch leicht in „Das Fest“, Robert Borgmann bilderhubernd in „die unverheiratete“, Susanne Kennedy statisch streng in „Warum läuft Herr R. Amok?“. Aber gerade weil Castorf längst stilprägend geworden ist, sich seine Handschrift in nahezu jeder Inszenierung beim Theatertreffen wiederfand, weil er auch ohne eigenes Haus weiterarbeiten wird und 25 Jahre eine verdammt lange Zeit sind, ist es gut, dass an der Berliner Volksbühne bald der Generationenwechsel beginnt. Vor der „Baal“-Vorstellung demonstrierte eine Frau mit einem selbstgebastelten „Volksbühne muss bleiben“-Schild. Sie wirkte ziemlich allein.