Theater-Kritik

Den Mythos vermenschlichen und überhöhen

Vaganten Bühne zeigt „Die letzte Nacht des Martin Luther King“

Die Menschen lagen ihm zu Füßen. Was sie nicht wussten: Dr. Martin Luther King hatte Stinkefüße. Behauptet zumindest die junge Dramatikerin Katori Hall in ihrem Stück „The Mountaintop“, das in der Nacht vor der Ermordung des Bürgerrechtlers spielt. 2009 in London uraufgeführt, eroberte es zwei Jahre später den Broadway. An der Berliner Vaganten Bühne inszenierte Andreas Schmidt unter dem Titel „Die letzte Nacht des Martin Luther King“ jetzt die deutschsprachige Erstaufführung. Wir befinden uns im Zimmer Nr. 306 des Lorraine Motels in Memphis, Tennessee. Der große Prediger hat sich gerade naserümpfend die Schuhe ausgezogen. Dort war Luther King am Abend des 3. April 1968 tatsächlich. Es ist wahrscheinlich, dass er ziemlich k.o. war von einer Rede vor streikenden Arbeitern, dass er sich nach einer Pall Mall sehnte und vielleicht auch, dass ihm ein hübsches schwarzes Zimmermädchen einen Kaffee bringt. Aus dieser realistischen Folie bezieht der Abend das Futter, den Mythos Martin Luther King einerseits zu vermenschlichen und seine letzte Nacht auf Erden gleichzeitig ins Surreal-Magische zu überhöhen.

Für beides ist das Zimmermädchen Camae die Schlüsselfigur. Bei Vanessa Rottenburg ist sie im tief dekolletierten knallroten Servierkleid ein frech-koketter Männertraum, alles andere als auf den Mund gefallen, ein Mädchen aus der Unterschicht, das des Predigers Blut in Wallung bringt. Sie flucht wie ein Matrose, er flirtet wie ein Gentleman, man kommt sich näher. Bis schließlich auffliegt, wer Camae in Wirklichkeit ist: ein Engel in der Probezeit mit dem Auftrag, Martin Luther King ins Jenseits zu begleiten. Beglaubigt wird diese Mission von Gott persönlich, die sich, ja, hier ist sie weiblich und schwarz und wird von Martin Luther King ehrfürchtig mit „gnädige Frau“ angesprochen, per Handy dazuschaltet.

Ein intimes Kammerspiel hat Andreas Schmidt, der den Text übrigens auch sehr pointiert übersetzte, hier gestaltet. Tino Führers Prediger King ist dabei sehr zurückgenommen, fast schüchtern geraten, aber Vanessa Rottenburgs Camae bringt Stimmung in den Abend und bewahrt ihn vor der gelegentlich durchschimmernden Rührseligkeit. Ganz am Ende blicken beide gemeinsam in die Zukunft, hinter ihnen flimmern Bilder wichtiger schwarzer Persönlichkeiten, von Nelson Mandela bis Barack Obama, dazu erklingt der „Redemption Song“. Am Abend des darauf folgenden Tages, am 04. April 1968, wird Martin Luther King auf dem Balkon des Motels erschossen. Die „gnädige Frau“ hatte kein Erbarmen.

Vaganten Bühne, Kantstr. 12a. Tel.: 312 45 29. Nächste Termine: 9.-13. Juni (auf Deutsch) und 2.-4. Juli (auf Englisch).